Online-Glücksspielsucht: Symptome, Ursachen & Hilfe

Ein kurzer Blick aufs Smartphone, eine Sportwette hier, ein paar Runden am virtuellen Automaten dort – Online-Glücksspiel ist heute so zugänglich wie nie zuvor. Seit der Legalisierung durch den Glücksspielstaatsvertrag im Juli 2021 boomt der Markt in Deutschland. Doch was für viele ein gelegentlicher Zeitvertreib bleibt, entwickelt sich für andere schleichend zu einer ernsthaften Abhängigkeit.

Online-Spielsucht – fachlich als Störung durch Glücksspielen bezeichnet – ist eine anerkannte psychische Erkrankung mit tiefgreifenden Folgen für Betroffene und ihr Umfeld. Die besondere Gefährlichkeit liegt in der ständigen Verfügbarkeit: Online-Casinos, Sportwetten-Apps und virtuelle Automaten sind rund um die Uhr nur einen Klick entfernt.

In diesem Artikel erfährst du, was Online-Spielsucht ist, wie du sie erkennst, warum bestimmte Glücksspielformen besonders süchtig machen und welche evidenzbasierten Hilfsangebote dir zur Verfügung stehen. Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder Therapie.

Was ist Online-Spielsucht?

Kurz & Knapp

  • Online-Spielsucht ist als Störung durch Glücksspielen (ICD-11: 6C50) eine anerkannte psychische Erkrankung
  • In Deutschland wird für Abrechnung und Kodierung aktuell noch die ICD-10-GM (F63.0 Pathologisches Spielen) verwendet
  • Das Internet verstärkt das Suchtpotenzial durch ständige Verfügbarkeit, Anonymität und schnelle Spielzyklen
  • Typische Online-Formen sind Casinos, Sportwetten, virtuelle Automaten und Poker-Plattformen
  • In Deutschland sind schätzungsweise 430.000 Menschen von problematischem Spielverhalten betroffen

Online-Spielsucht unterscheidet sich vom klassischen Glücksspiel in Spielhallen vor allem durch die niedrige Zugangsschwelle und die permanente Erreichbarkeit – das macht sie besonders tückisch.

Die Störung durch Glücksspielen ist im internationalen Klassifikationssystem ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter dem Code 6C50 als eigenständige Diagnose aufgeführt. Auch das DSM-5 – das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen – klassifiziert das pathologische Glücksspielen als Gambling Disorder und ordnet es ausdrücklich den Suchterkrankungen zu, nicht mehr den Impulsstörungen wie früher.

Wichtig für Deutschland: Die ICD-11 gilt seit Januar 2022 international. In der ambulanten und stationären Versorgung in Deutschland wird für die offizielle Abrechnung und Diagnosekodierung jedoch weiterhin die ICD-10-GM verwendet (Stand 2026). Dort ist die Störung unter F63.0 „Pathologisches Spielen" kodiert, allerdings mit einer eher beschreibenden, nicht operationalisierten Definition. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) arbeitet an der nationalen Adaption. Die internationale Anerkennung als eigenständige Suchterkrankung stärkt dennoch die Behandlungsmöglichkeiten. 11)

Von einer Glücksspielsucht spricht man, wenn das Spielverhalten nicht mehr kontrolliert werden kann, trotz negativer Konsequenzen fortgesetzt wird und zunehmend den Alltag dominiert. Betroffene erleben einen starken Drang zu spielen, benötigen immer höhere Einsätze und vernachlässigen andere Lebensbereiche.

Was unterscheidet Online-Glücksspiel vom klassischen Spielen?

Im Vergleich zum Glücksspiel in Spielhallen oder stationären Casinos bringt die Online-Variante besondere Risikofaktoren mit sich:

  • 24/7-Verfügbarkeit: Online-Casinos und Sportwetten-Apps sind jederzeit zugänglich – vom Sofa, in der Mittagspause oder nachts im Bett.
  • Anonymität: Es gibt keine soziale Kontrolle durch Mitspieler oder Personal. Niemand sieht, wie viel und wie oft du spielst.
  • Schnelle Spielzyklen: Virtuelle Automaten und Live-Wetten ermöglichen Hunderte Spiele pro Stunde – deutlich mehr als an einem physischen Automaten.
  • Digitale Zahlungsmittel: Kreditkarten, E-Wallets und Kryptowährungen lassen Verluste weniger „real“ wirken als Bargeld.
  • Aggressive Bonusangebote: Willkommensboni, Freispiele und Cashback-Aktionen senken gezielt die Hemmschwelle für den Einstieg und das Weiterspielen.

Online-Spielsucht erkennen: Symptome und Warnsignale

Kurz & Knapp

  • Das DSM-5 definiert neun Kriterien für eine Glücksspielstörung – ab vier Kriterien gilt die Diagnose als gesichert
  • Typische Warnsignale sind Kontrollverlust, Verlustjagd und zunehmende Einsätze
  • Betroffene vernachlässigen häufig Beziehungen, Beruf und Selbstfürsorge
  • Auch Rückmeldungen von Freunden, Familie oder Kolleginnen können ein hilfreicher Spiegel sein
  • Je früher das Verhalten erkannt wird, desto besser die Chancen auf Veränderung

Die Grenzen zwischen gelegentlichem Spielen und einer Abhängigkeit sind fließend. Ehrlichkeit dir selbst gegenüber ist der erste Schritt – und ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.

Die ICD-10 beschreibt F63.0 nur knapp als „häufiges und wiederholtes episodenhaftes Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt". Operationalisierte Einzelkriterien fehlen. Für eine differenzierte Einschätzung greifen Fachleute daher meist auf die präziser formulierten DSM-5-Kriterien zurück.

Die Übergänge zwischen gelegentlichem Spielen und einer Abhängigkeit sind oft fließend. Das DSM-5 nennt neun diagnostische Kriterien für eine Glücksspielstörung, von denen mindestens vier innerhalb von zwölf Monaten erfüllt sein müssen: 2)

  1. Toleranzentwicklung: Du brauchst immer höhere Einsätze, um die gewünschte Erregung zu spüren.
  2. Entzugssymptome: Unruhe, Gereiztheit oder Nervosität, wenn du versuchst, weniger zu spielen oder aufzuhören.
  3. Kontrollverlust: Wiederholte erfolglose Versuche, das Spielen einzuschränken oder zu beenden.
  4. Gedankliche Vereinnahmung: Ständiges Denken an vergangene Spiele, das nächste Spiel oder Geldbeschaffung.
  5. Flucht: Spielen als Mittel, um negativen Gefühlen wie Stress, Angst oder Traurigkeit zu entkommen.
  6. Verlustjagd (Chasing): Nach Verlusten erneut spielen, um das verlorene Geld zurückzugewinnen.
  7. Lügen: Das Ausmaß des Spielens gegenüber Familie, Freunden oder Therapeuten verheimlichen.
  8. Gefährdung von Beziehungen: Wichtige Beziehungen, Arbeitsplatz oder Ausbildung werden riskiert.
  9. Finanzielle Abhängigkeit: Angewiesensein auf andere, um spielbedingte finanzielle Notlagen zu beheben.

Warnsignale im Alltag

Neben den klinischen Kriterien gibt es alltagspraktische Warnsignale, die auf eine sich entwickelnde Online-Spielsucht hindeuten können:

  • Du spielst heimlich und löschst den Browserverlauf oder nutzt den privaten Modus.
  • Du verbringst immer mehr Zeit mit Online-Glücksspiel – auch nachts oder bei der Arbeit.
  • Du leihst dir Geld, ohne den wahren Grund zu nennen.
  • Du bist gereizt oder niedergeschlagen, wenn du nicht spielen kannst.
  • Du vernachlässigst Hobbys, Freundschaften oder deine Gesundheit.
  • Deine Gedanken kreisen auch in spielfreien Zeiten um Wetten, Quoten oder den nächsten Einsatz.

Tipp: Manchmal fällt es anderen früher auf als einem selbst. Rückmeldungen von Freunden, Familie oder Kolleginnen können ein wertvoller Spiegel sein. Wenn Menschen in deinem Umfeld Sorge äußern, nimm das ernst – auch wenn es sich im ersten Moment unangenehm anfühlt.

Nicht jedes dieser Anzeichen bedeutet automatisch eine Sucht. Wenn du dir unsicher bist, kann eine Suchtberatungsstelle dir helfen, deine Situation vertraulich und kostenlos einzuschätzen.

Ich dachte immer, ich höre morgen auf. Aber „morgen“ kam nie. Irgendwann war das Spielen kein Vergnügen mehr, sondern ein Zwang – ich wollte aufhören, konnte aber nicht. Der Moment, in dem ich mir das eingestanden habe, war der Anfang meiner Genesung.

Betroffener, anonymisiert (Beispiel)

Ursachen: Warum macht Online-Glücksspiel süchtig?

Kurz & Knapp

  • Unregelmäßige Belohnungen (intermittierende Verstärkung) sind einer der stärksten Suchtmechanismen
  • Das Belohnungssystem schüttet Dopamin bereits bei der Erwartung eines Gewinns aus
  • Kognitive Verzerrungen wie der Gambler's Fallacy halten das Spielverhalten aufrecht
  • Online-Plattformen nutzen gezielt Design-Elemente wie Sounds, Animationen und Push-Nachrichten
  • Persönliche Risikofaktoren wie Impulsivität, Stress und psychische Vorerkrankungen erhöhen die Anfälligkeit

Online-Spielsucht ist keine Frage von Willensschwäche oder Charakterschwäche. Sie hat neurobiologische, psychologische und soziale Ursachen, die zusammenwirken.

Neurobiologische Grundlagen

Glücksspiel aktiviert das mesolimbische Belohnungssystem im Gehirn – dasselbe System, das auch bei substanzgebundenen Abhängigkeiten eine zentrale Rolle spielt. Studien legen nahe, dass bereits die Erwartung eines möglichen Gewinns zu einer Dopaminausschüttung führt – unabhängig davon, ob tatsächlich gewonnen wird. 3)

Besonders wirksam ist die sogenannte intermittierende Verstärkung (unregelmäßige Belohnungen): Gewinne treten unvorhersehbar auf, was das Gehirn dazu bringt, ständig weiterzuspielen – in der Hoffnung auf die nächste Belohnung. Dieses Prinzip zählt zu den stärksten bekannten Mechanismen zur Aufrechterhaltung von Verhalten und erklärt, warum Betroffene trotz wiederholter Verluste weiterspielen.

Kognitive Verzerrungen

Menschen mit einer Glücksspielsucht unterliegen häufig typischen Denkfehlern (kognitiven Verzerrungen), die das Spielverhalten aufrechterhalten:

  • Gambler’s Fallacy: Der Glaube, dass nach einer Serie von Verlusten ein Gewinn „fällig“ sei – obwohl jedes Spiel statistisch unabhängig vom vorherigen ist.
  • Near-Miss-Effekt: Fast-Gewinne (z. B. zwei von drei gleichen Symbolen) werden vom Gehirn fast wie echte Gewinne verarbeitet und motivieren zum Weiterspielen.
  • Kontrollillusion: Das Gefühl, das Ergebnis durch Strategie, Timing oder „Insiderwissen“ beeinflussen zu können – besonders verbreitet bei Sportwetten und Online-Poker.
  • Selektive Erinnerung: Gewinne werden überbewertet und erinnert, Verluste verdrängt oder heruntergespielt.

Design-Tricks der Plattformen

Online-Glücksspielplattformen nutzen gezielt psychologische Designprinzipien, um Spielende möglichst lange zu binden:

  • Soundeffekte und Animationen bei Gewinnen verstärken das Belohnungserleben
  • Push-Benachrichtigungen erinnern an Freispiele, Boni oder laufende Wetten
  • Verlustverkleidung: Selbst bei Nettoverlusten werden kleine Teilgewinne optisch und akustisch gefeiert
  • Autoplay-Funktionen ermöglichen hunderte Spiele ohne aktive Entscheidung
  • Dynamische Quoten bei Live-Wetten erzeugen einen Zeitdruck, der impulsive Entscheidungen fördert

Persönliche Risikofaktoren

Nicht jeder, der online spielt, entwickelt eine Sucht. Studien legen nahe, dass bestimmte Faktoren das Risiko erhöhen: 4)

  • Impulsivität und geringe Frustrationstoleranz
  • Psychische Vorerkrankungen wie Depression, ADHS oder Angststörungen
  • Hoher Stresslevel und fehlende Bewältigungsstrategien
  • Early Big Win: Ein großer Gewinn zu Beginn kann unrealistische Erwartungen wecken
  • Soziale Isolation und Einsamkeit
  • Früher Kontakt mit Glücksspiel in der Familie oder im Freundeskreis

Dopamin und das Belohnungssystem

Das Belohnungssystem reagiert bei Menschen mit Online-Spielsucht ähnlich wie bei substanzgebundenen Abhängigkeiten. Die Dopaminausschüttung erfolgt nicht nur beim Gewinn selbst, sondern bereits bei der Erwartung und dem Nervenkitzel des Spielens. Mit der Zeit stumpft das System ab – Betroffene brauchen immer intensivere Reize, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Fachleute sprechen von Toleranzentwicklung.

Sportwetten, Online-Casinos und Jugendliche – besondere Risiken

Kurz & Knapp

  • Sportwetten sind die am schnellsten wachsende Form des Online-Glücksspiels in Deutschland
  • Die Verknüpfung von Sportwissen und Wetten verstärkt die Kontrollillusion
  • Online-Casinos nutzen schnelle Spielzyklen und aggressive Bonussysteme
  • Jugendliche sind durch Loot-Boxen, Social Casinos und Influencer-Werbung besonders gefährdet
  • Auch ohne eigenen ICD-Code ist Behandlung bei allen Formen problematischen Spielverhaltens möglich

Die verschiedenen Online-Glücksspielformen sprechen unterschiedliche Zielgruppen an und haben jeweils eigene Risikoprofile. Besonders bei Jugendlichen verschwimmen die Grenzen zwischen Gaming und Gambling zunehmend.

Sportwetten-Sucht: Wenn Fachwissen zur Falle wird

Sportwetten sind die am schnellsten wachsende Form des Online-Glücksspiels in Deutschland. Ihre besondere Gefährlichkeit liegt in der Kontrollillusion: Wer sich mit Fußball, Tennis oder Basketball auskennt, glaubt häufig, das Ergebnis vorhersagen zu können. Doch auch mit Fachwissen bleibt eine Wette ein Glücksspiel – die Quoten sind so berechnet, dass langfristig immer der Anbieter gewinnt.

Besondere Risikomerkmale von Sportwetten:

  • Live-Wetten mit sich ständig ändernden Quoten erzeugen enormen Zeitdruck und fördern impulsive Entscheidungen
  • Kombiwetten versprechen hohe Gewinne bei minimalem Einsatz – die Gewinnwahrscheinlichkeit sinkt jedoch exponentiell
  • Allgegenwärtige Werbung in Sportübertragungen, sozialen Medien und durch Influencer normalisiert das Wetten
  • Soziale Komponente: Gemeinsames Wetten im Freundeskreis senkt die Hemmschwelle und erschwert den Ausstieg

Online-Casino-Sucht: Schnelle Spielzyklen, hohe Verluste

Online-Casinos – insbesondere virtuelle Spielautomaten (Online-Slots) – gehören zu den Glücksspielformen mit dem höchsten Suchtpotenzial. Die Kombination aus schnellen Spielzyklen, audiovisueller Stimulation und der Möglichkeit, innerhalb von Sekunden hohe Beträge zu setzen, macht sie besonders riskant. 5)

Online-Spielsucht bei Jugendlichen

Jugendliche sind für Online-Glücksspiel besonders anfällig – und das, obwohl sie legal noch gar nicht teilnehmen dürfen. Mehrere Faktoren erhöhen das Risiko:

  • Loot-Boxen in Videospielen: Zufallsbasierte Belohnungsmechanismen in Spielen wie FIFA oder Fortnite funktionieren nach denselben psychologischen Prinzipien wie Glücksspielautomaten. Sie können eine Frühgewöhnung an Glücksspielmechaniken bewirken.
  • Social Casinos: Kostenlose Casino-Apps simulieren echtes Glücksspiel und normalisieren das Spielverhalten – ohne Altersverifikation.
  • Influencer-Werbung: Sportwetten- und Casino-Werbung durch Social-Media-Persönlichkeiten erreicht gezielt junge Zielgruppen.
  • Neurologische Entwicklung: Das präfrontale Gehirn – zuständig für Impulskontrolle und Risikoeinschätzung – ist bei Jugendlichen noch nicht vollständig ausgereift.

Die Überschneidung zwischen Gaming und Glücksspiel, etwa über Loot-Boxen oder glücksspielähnliche Mechanismen, wird in der Forschung diskutiert. Die Evidenz für einen direkten Pfad von problematischem Gaming in eine Glücksspielstörung ist jedoch uneinheitlich. 6)

Folgen der Online-Spielsucht

Kurz & Knapp

  • Finanzielle Folgen reichen von Verschuldung über Privatinsolvenz bis zum Verlust der Existenzgrundlage
  • Beziehungen leiden unter Lügen, Vertrauensverlust und emotionaler Abwesenheit
  • Berufliche Konsequenzen wie Leistungseinbrüche, Fehlzeiten und Jobverlust sind häufig
  • Psychische Begleiterkrankungen treten bei bis zu 75 % der Betroffenen auf
  • Bei akuter Krise: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7)

Online-Spielsucht betrifft nie nur die spielende Person allein – sie hat Auswirkungen auf das gesamte soziale Umfeld. Doch es gibt Wege aus der Krise.

Finanzielle Folgen

Die finanziellen Auswirkungen sind für viele Betroffene die spürbarste Konsequenz der Online-Spielsucht. Studien zeigen, dass bei knapp einem Fünftel der Betroffenen die Schulden über 25.000 Euro liegen, bei rund acht Prozent sogar über 50.000 Euro, in Einzelfällen deutlich mehr. 7) Typische finanzielle Folgen:

  • Überziehung von Konten und Aufnahme von Krediten
  • Verkauf von Wertgegenständen und Eigentum
  • Mietschulden und drohende Wohnungslosigkeit
  • Privatinsolvenz und langfristige Überschuldung
  • In Einzelfällen: Beschaffungskriminalität wie Betrug oder Unterschlagung

Besonders tückisch bei Online-Glücksspiel: Durch digitale Zahlungsmittel verlieren Betroffene oft das Gefühl für die tatsächlich verlorenen Summen. Ein Klick auf „Einzahlen“ fühlt sich weniger real an als Bargeld auf den Tisch zu legen.

Soziale und familiäre Auswirkungen

Die Geheimhaltung und die Lügen, die mit der Sucht einhergehen, zerstören das Vertrauen in Partnerschaften, Familien und Freundschaften. Angehörige fühlen sich oft hilflos, betrogen und überfordert. Kinder von Betroffenen erleben emotionale Vernachlässigung und finanzielle Unsicherheit – mit langfristigen Folgen für ihre eigene Entwicklung.

Berufliche Konsequenzen

Konzentrationsprobleme, Fehlzeiten und die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Spielen führen häufig zu Leistungseinbrüchen am Arbeitsplatz. Für viele Betroffene endet dies in Abmahnung, Kündigung oder dem Verlust einer Selbstständigkeit.

Psychische Gesundheit

Online-Spielsucht tritt selten allein auf. Studien legen nahe, dass bis zu 75 % der Betroffenen gleichzeitig an mindestens einer weiteren psychischen Erkrankung leiden – Fachleute sprechen von Komorbiditäten (Begleiterkrankungen): 8)

  • Depression und anhaltende Hoffnungslosigkeit
  • Angststörungen und Panikattacken
  • Schlafstörungen und körperliche Erschöpfung
  • Substanzmissbrauch (Alkohol, Medikamente)
  • In schweren Fällen: Suizidgedanken

Wichtiger Hinweis: Wenn du oder jemand in deinem Umfeld unter Suizidgedanken leidet, wende dich bitte sofort an eine Kriseneinrichtung:

  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, 24 Stunden, 7 Tage)
  • Sucht & Drogen Hotline: 01805 313 031

Du bist nicht allein – und es gibt Menschen, die dir helfen können.

Hilfe und Behandlung: Online-Spielsucht bekämpfen

Kurz & Knapp

  • Die psychotherapeutische Sprechstunde ist der empfohlene erste Schritt vor einer ambulanten Therapie
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt als evidenzbasierter Standard – aber jede professionelle Hilfe ist besser als keine
  • Die Spielersperre über das OASIS-System schützt vor unkontrolliertem Zugang zu Online-Glücksspiel
  • Beratungsstellen bieten kostenlose, anonyme Erstberatung – auch online und telefonisch
  • Glücksspielsucht ist behandelbar – viele Betroffene schaffen den Weg in ein spielfreies Leben

Der erste Schritt ist oft der schwerste – aber du musst ihn nicht allein gehen. Professionelle Beratung und Therapie können dir helfen, wieder die Kontrolle über dein Leben zu übernehmen.

Der erste Schritt: Psychotherapeutische Sprechstunde

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Spielverhalten problematisch geworden ist, ist die psychotherapeutische Sprechstunde der empfohlene erste Anlaufpunkt. Dort wird in einem vertraulichen Gespräch eingeschätzt, welches Behandlungssetting für dich am besten geeignet ist – ob ambulante Therapie, eine Tagesklinik oder eine stationäre Rehabilitation. Du brauchst dafür keine Überweisung, nur deine Versichertenkarte.

Evidenzbasierte Therapie

Die S3-Leitlinie „Störung durch Glücksspielen“ empfiehlt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als evidenzbasierten Behandlungsstandard. 9) Im Rahmen der KVT lernst du:

  • Deine Denkmuster rund ums Glücksspiel zu erkennen und zu verändern
  • Auslöser und Risikosituationen zu identifizieren
  • Alternative Bewältigungsstrategien für Stress und negative Gefühle zu entwickeln
  • Rückgänge (Rückfälle) als Teil des Genesungsprozesses einzuordnen

Ergänzend kommt häufig die motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing) zum Einsatz. Diese Methode stärkt deine eigene Motivation zur Veränderung – ohne Druck oder Vorwürfe.

Wichtig: Auch andere Therapieverfahren können wirksam sein – etwa systemische Therapie, psychodynamische Ansätze oder achtsamkeitsbasierte Verfahren. Überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist wichtiger als die spezifische Therapierichtung.

Spielersperre: Das OASIS-System

Seit 2021 gibt es in Deutschland das OASIS-Sperrsystem (Onlineabfrage Spielerstatus). Über dieses System kannst du dich bundesweit für alle legalen Online-Glücksspielangebote sperren lassen. 10) Wichtige Fakten:

  • Die Sperre gilt mindestens ein Jahr und kann online beantragt werden
  • Sie ist kostenlos und umfasst Online-Casinos, Sportwetten und Spielhallen
  • In Momenten starken Spieldrucks kann die Sperre ein wirksames Schutzinstrument sein
  • Eine Aufhebung ist frühestens nach Ablauf der Mindestfrist und nur auf Antrag möglich

Anlaufstellen und Beratung

In Deutschland gibt es zahlreiche kostenlose und anonyme Hilfsangebote:

  • BZgA-Beratungstelefon: 0800 1 37 27 00 (kostenlos, Mo–Do 10–22 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr)
  • Suchtberatungsstellen: Über die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) findest du Beratungsstellen in deiner Nähe
  • Selbsthilfegruppen: Gamblers Anonymous (GA) und andere Gruppen bieten Austausch mit anderen Betroffenen
  • Online-Beratung: Viele Beratungsstellen bieten auch Chat- und E-Mail-Beratung an – anonym und niedrigschwellig
  • Schuldnerberatung: Kostenlose Unterstützung bei der Bewältigung spielbedingter Schulden

Kostenübernahme: Die Kosten für eine ambulante oder stationäre Therapie bei Glücksspielsucht werden in der Regel von der Krankenkasse oder dem Rentenversicherungsträger übernommen. Dein erster Ansprechpartner kann dein Hausarzt, eine Suchtberatungsstelle oder direkt eine psychotherapeutische Sprechstunde sein.

Quellen

  1. Buth, S., Meyer, G., Rosenkranz, M., Kalke, J.: Glücksspielteilnahme und glücksspielbezogene Probleme in der Bevölkerung, Ergebnisse des Glücksspiel-Survey 2023. ISD Hamburg und Universität Bremen, 2024. Zum Bericht
  2. American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5), 2013. Kriterien für Gambling Disorder (312.31).
  3. Clark, L., et al.: Pathological choice: The neuroscience of gambling and gambling addiction. Journal of Neuroscience, 33(45), 17617–17623, 2013.
  4. Blaszczynski, A. & Nower, L.: A pathways model of problem and pathological gambling. Addiction, 97(5), 487–499, 2002.
  5. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Glücksspielatlas Deutschland 2023. Köln, 2023. Zur Pressemitteilung
  6. Delfabbro, P. & King, D. L.: Gaming-gambling convergence: Evaluating evidence for the ‘gateway’ hypothesis. International Gambling Studies, 20(3), 380–392, 2020.
  7. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Jahrbuch Sucht 2024, Lengerich: Pabst Science Publishers, 2024.
  8. Lorains, F. K., et al.: Prevalence of comorbid disorders in problem and pathological gambling: Systematic review and meta-analysis. Addiction, 106(3), 490–498, 2011.
  9. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Suchtmedizinische Reihe Band 6, Glücksspielsucht. Hamm, 2013 (aktualisierte Fassung). Zum PDF
  10. Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL): OASIS-Sperrsystem – Informationen für Spielerinnen und Spieler, 2024.
  11. Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11 Gambling disorder, Kategorie 6C50. Genf, 2022, deutsche Fassung durch das BfArM. ICD-11 MMS
  12. Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL): Tätigkeitsbericht 2024. Halle (Saale), 2025. GGL Publikationen

Wie steht es um dein Spielverhalten?

Unser kostenloser Selbsttest hilft dir, dein Spielverhalten einzuschätzen – anonym, wissenschaftlich fundiert und in wenigen Minuten. Ein Selbsttest ersetzt keine professionelle Diagnostik, bietet aber eine erste Orientierung.

Häufige Fragen zu Online-Spielsucht

Was tun bei Spielsucht?

Der wichtigste Schritt ist, dir einzugestehen, dass dein Spielverhalten problematisch geworden ist. Danach empfehlen Fachleute diese Schritte: 1. Kontaktiere eine Suchtberatungsstelle in deiner Nähe (kostenlos und anonym). 2. Vereinbare eine psychotherapeutische Sprechstunde – dort wird eingeschätzt, welche Behandlung für dich passt. 3. Richte eine Spielersperre über das OASIS-System ein, um dich vor unkontrolliertem Zugang zu schützen. 4. Vertraue dich einer Person deines Vertrauens an. Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Die BZgA-Beratungshotline erreichst du kostenlos unter 0800 1 37 27 00.

Ab wann ist man spielsüchtig?

Das DSM-5 definiert neun Kriterien für eine Glücksspielstörung – darunter Kontrollverlust, Verlustjagd, Verheimlichung und die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche. Ab vier erfüllten Kriterien innerhalb von zwölf Monaten gilt die Diagnose als gesichert. Wenn du das Gefühl hast, dein Spielverhalten nicht mehr steuern zu können, ist das ein ernstzunehmender Hinweis. Eine Suchtberatungsstelle kann dir helfen, deine Situation vertraulich und kostenfrei einzuschätzen. Wichtig: Eine professionelle Diagnostik kann nur durch ausgebildete Fachkräfte erfolgen.

Wie kann ich mich bei Online-Casinos sperren lassen?

In Deutschland kannst du dich über das OASIS-Sperrsystem bundesweit für alle legalen Online-Glücksspielangebote sperren lassen. Die Sperre ist kostenlos, kann online beantragt werden und gilt mindestens ein Jahr. Sie umfasst Online-Casinos, Sportwetten-Anbieter und Spielhallen. Die Sperre wird von der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) verwaltet. Eine Aufhebung ist frühestens nach Ablauf der Mindestfrist auf Antrag möglich. Die Spielersperre ist ein wirksames Schutzinstrument, ersetzt aber keine therapeutische Behandlung.

Wie kann ich einem Angehörigen mit Spielsucht helfen?

Das Wichtigste ist, das Thema offen und ohne Vorwürfe anzusprechen – wähle einen ruhigen Moment und äußere deine Sorge in Ich-Botschaften. Informiere dich über Glücksspielsucht, um das Verhalten besser zu verstehen: Es handelt sich um eine Erkrankung, nicht um Willensschwäche. Übernimm keine Schulden und schütze deine eigenen Finanzen. Ermutige die betroffene Person, professionelle Hilfe aufzusuchen. Auch für Angehörige gibt es eigene Beratungsangebote, etwa über die BZgA (0800 1 37 27 00) oder Angehörigengruppen bei Suchtberatungsstellen. Vergiss nicht: Auch du hast das Recht auf Unterstützung.

Zahlt die Krankenkasse eine Therapie bei Glücksspielsucht?

Ja. Glücksspielsucht ist eine anerkannte psychische Erkrankung. Die Kosten für eine ambulante Psychotherapie (insbesondere kognitive Verhaltenstherapie) werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Stationäre Rehabilitationsmaßnahmen werden häufig vom Rentenversicherungsträger finanziert. Der erste Schritt ist eine psychotherapeutische Sprechstunde, in der das passende Behandlungssetting festgelegt wird. Auch Suchtberatungsstellen und dein Hausarzt können dich zum Antragsverfahren beraten. Die Beratung bei Suchtberatungsstellen selbst ist immer kostenlos.

Sind Jugendliche besonders gefährdet für Online-Spielsucht?

Ja, Jugendliche sind aus mehreren Gründen besonders gefährdet: Ihr präfrontaler Kortex – der Gehirnbereich für Impulskontrolle und Risikoeinschätzung – ist noch nicht vollständig ausgereift. Zudem kommen viele Jugendliche über Loot-Boxen in Videospielen und Social Casinos früh mit glücksspielähnlichen Mechanismen in Kontakt. Sportwetten-Werbung durch Influencer normalisiert das Wetten zusätzlich. Studien legen nahe, dass ein früher Kontakt mit Glücksspielmechaniken das Risiko für späteres problematisches Spielverhalten erhöht. Wenn du dir Sorgen um einen jungen Menschen machst, wende dich an eine Suchtberatungsstelle – auch Eltern und Angehörige erhalten dort Unterstützung.