
Schmerzmittelsucht: Ursachen, Warnsignale und Wege zur Hilfe
Eine Tablette gegen Kopfschmerzen, eine gegen den Rücken, abends eine zum Schlafen – was harmlos klingt, kann sich für viele Menschen zu einem ernsthaften Problem entwickeln. Schmerzmittelsucht ist in Deutschland weiter verbreitet, als die meisten vermuten: Laut dem Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) 2021 weisen schätzungsweise 3 Millionen Menschen in Deutschland einen problematischen Gebrauch von Schmerzmitteln auf.1)
Dabei sind es oft nicht die bekannten Rezeptpflichtig-Präparate, die das Problem verursachen: Frei verkäufliche Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol stehen im Mittelpunkt einer bedenklichen Entwicklung, wie Schmerzmedizinerinnen und Schmerzmediziner sie beschreiben. Gleichzeitig steigen die Verordnungen opioidhaltiger Analgetika in Deutschland langsam an.2)
Dieser Artikel erklärt, wie eine Schmerzmittelabhängigkeit entsteht, welche Warnsignale du kennen solltest und welche Wege aus der Abhängigkeit führen können. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und keine professionelle Diagnostik – aber er kann helfen, die eigene Situation oder die eines nahestehenden Menschen besser einzuordnen.
Was ist Schmerzmittelsucht?
Kurz & Knapp
- Schmerzmittelsucht ist eine körperliche und/oder psychische Abhängigkeit von Analgetika.
- Sie unterscheidet sich von normaler Toleranzentwicklung und schädlichem Gebrauch.
- In der ICD-10-GM wird sie je nach Wirkstoff mit unterschiedlichen Schlüsseln kodiert.
- Auch frei verkäufliche Mittel wie Ibuprofen können abhängig machen – nicht nur Opioide.
- Nach aktuellen Daten ist der Missbrauch von Schmerzmitteln in Deutschland weit verbreitet – Millionen Menschen sind betroffen.
Schmerzmittelsucht ist eine ernst zu nehmende Erkrankung – keine Frage der Willenskraft.
Schmerzmittel (Analgetika) gehören zu den meistverkauften Arzneimitteln in Deutschland. Die große Mehrheit der Menschen nimmt sie verantwortungsvoll und zeitlich begrenzt ein. Ein Teil jedoch entwickelt eine Abhängigkeit – oft schleichend und ohne es zunächst zu bemerken.
Abhängigkeit, Toleranz und Missbrauch – was ist was?
Diese drei Begriffe werden häufig vermischt, beschreiben aber unterschiedliche Zustände:
- Toleranzentwicklung bedeutet, dass das Medikament bei gleicher Dosis weniger stark wirkt, weil sich der Körper physiologisch angepasst hat. Das ist allein noch kein Zeichen einer Sucht.
- Schädlicher Gebrauch (Missbrauch) liegt vor, wenn jemand ein Medikament trotz nachweisbarer Schäden weiternimmt – ohne dass alle Kriterien einer Abhängigkeit erfüllt sind.
- Abhängigkeit ist gegeben, wenn mindestens drei der folgenden Merkmale in einem Zwölf-Monats-Zeitraum aufgetreten sind: starkes Verlangen nach dem Mittel (Craving), Kontrollverlust über die Einnahme, Entzugssymptome bei Dosisreduktion oder Absetzen, Dosissteigerung, Vernachlässigung anderer Lebensbereiche, fortgesetzte Einnahme trotz eindeutiger Schäden.
Wie lautet die Diagnose in Deutschland?
Für die offizielle Kodierung wird in Deutschland die ICD-10-GM verwendet (Stand 2026). Je nach Substanz gelten unterschiedliche Diagnoseschlüssel:
- F11.2 – Abhängigkeitssyndrom durch Opioide
- F11.1 – Schädlicher Gebrauch von Opioiden
- F55.2 – Missbrauch von nicht-abhängigkeitserzeugenden Substanzen: Analgetika
Hinweis zur ICD-11: Die ICD-11 gilt seit Januar 2022 international (WHO) und führt in Kapitel 6C4x entsprechende Diagnosen für Opioidgebrauchsstörungen. In Deutschland ist sie für die Abrechnung noch nicht maßgeblich – das BfArM arbeitet an der nationalen Adaption.
Welche Schmerzmittel können abhängig machen?
Kurz & Knapp
- Frei verkäufliche Analgetika (Ibuprofen, Paracetamol, ASS) können psychische Abhängigkeit und medikamenteninduzierten Kopfschmerz verursachen.
- Schwache Opioide (Tramadol, Tilidin, Codein) lösen körperliche und psychische Abhängigkeit aus.
- Starke Opioide (Morphin, Oxycodon, Fentanyl) haben das höchste Abhängigkeitspotenzial.
- Gabapentinoide (Pregabalin, Gabapentin) sind besonders bei bestehender Suchtvorgeschichte riskant.
- Kombipräparate – z. B. Paracetamol mit Codein – können besonders tückisch werden.
Das Abhängigkeitspotenzial hängt von der Substanz, der Einnahmedauer und individuellen Risikofaktoren ab.
Nicht alle Schmerzmittel sind gleich gefährlich in Bezug auf ihr Suchtpotenzial. Entscheidend sind Wirkstoffklasse, Einnahmedauer und persönliche Risikofaktoren. Grundsätzlich lassen sich vier relevante Gruppen unterscheiden:
Nichtopioid-Analgetika (frei verkäufliche Schmerzmittel)
Hierzu zählen die am häufigsten genutzten rezeptfreien Mittel: Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und Diclofenac. Sie wirken entzündungshemmend oder auf die Schmerzwahrnehmung im Gehirn. Ihr Abhängigkeitspotenzial ist geringer als das der Opioide – es existiert aber trotzdem. Laut einer Auswertung des ESA 2021 liegt die Missbrauchsprävalenz in der Gruppe der Selbstmedikation bei diesen Substanzen bei schätzungsweise 6,4 Prozent.1) Das bedeutet: Von den rund 24 Millionen Menschen, die diese Mittel einnehmen, entwickelt ein relevanter Teil ein problematisches Einnahmemuster.
Das größte Risiko bei dieser Gruppe ist der medikamenteninduzierte Kopfschmerz (Analgetika-Kopfschmerz): Wer an mehr als 15 Tagen im Monat zu Schmerzmitteln greift, kann einen neuen, dauerhaften Kopfschmerztypus entwickeln – der durch die Schmerzmittel selbst verursacht wird.
Schwache Opioide
Tramadol, Tilidin/Naloxon und Codein sind verschreibungspflichtig und wirken deutlich stärker als Nichtopioid-Analgetika. Sie binden an Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem (ZNS) und können sowohl körperliche als auch psychische Abhängigkeit verursachen. Insbesondere Tilidin und Tramadol spielen im deutschen Suchtgeschehen eine zunehmend bedeutsame Rolle; laut DHS ist ein Anstieg des nicht-medizinischen Konsums dieser Substanzen zu beobachten.3)
Starke Opioide
Morphin, Oxycodon, Fentanyl und Hydromorphon werden bei starken, insbesondere tumorbedingten Schmerzen eingesetzt. Sie haben das höchste Abhängigkeitspotenzial. Bei täglicher Einnahme über mehrere Wochen kann sich eine körperliche Abhängigkeit entwickeln, die sich beim Absetzen durch intensive Entzugssymptome äußert. Laut der deutschen S3-Leitlinie LONTS (Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen, AWMF 145-003) soll die Langzeittherapie mit Opioiden bei nichtmalignen Schmerzen nur unter strengen Bedingungen und mit engmaschiger ärztlicher Kontrolle erfolgen.4)
Gabapentinoide
Pregabalin und Gabapentin werden häufig bei neuropathischen Schmerzen und einigen psychiatrischen Störungen eingesetzt. Eine systematische Übersichtsarbeit von Bonnet und Scherbaum (2017) zeigt, dass ihr Abhängigkeitspotenzial für die allgemeine Bevölkerung begrenzt ist – bei Menschen mit einer bestehenden Suchterkrankung jedoch deutlich erhöht sein kann.5) Pregabalin wird auch auf dem Schwarzmarkt gehandelt, was auf ein missbräuchliches Nutzungspotenzial hinweist.
Das WHO-Stufenschema der Schmerztherapie
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein dreistufiges Schema zur medikamentösen Schmerztherapie entwickelt: Stufe 1 umfasst Nichtopioid-Analgetika, Stufe 2 schwache Opioide, Stufe 3 starke Opioide. Der Grundsatz lautet: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich." Je höher die Stufe, desto wirksamer das Mittel – und desto größer das Abhängigkeitspotenzial. Eine korrekte Indikationsstellung und regelmäßige Überprüfung durch Ärztinnen und Ärzte ist deshalb entscheidend.
Wie entsteht eine Schmerzmittelabhängigkeit?
Kurz & Knapp
- Opioide aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn und erzeugen Toleranz.
- Chronische Schmerzen sind einer der häufigsten Ausgangspunkte für eine Schmerzmittelabhängigkeit.
- Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen erhöhen das Abhängigkeitsrisiko erheblich.
- Auch ärztlich verordnete Medikamente können – bei falschen Rahmenbedingungen – zur Abhängigkeit führen.
- Aus kurzfristiger Schmerzlinderung kann ein Teufelskreis entstehen: mehr Schmerz nach dem Abklingen der Wirkung.
Eine Schmerzmittelabhängigkeit entsteht selten durch eine bewusste Entscheidung – sie entwickelt sich schleichend.
Schmerzmittelabhängigkeit entsteht nicht durch Charakterschwäche oder mangelnden Willen. Sie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren.
Was im Gehirn passiert
Opioide und einige andere Schmerzmittel aktivieren das mesolimbische Belohnungssystem (Dopaminsystem) im Gehirn. Dabei werden körpereigene Botenstoffe – vor allem Dopamin und Endorphine – ausgeschüttet, die nicht nur Schmerzen lindern, sondern auch Wohlbefinden und manchmal Euphorie erzeugen. Dieser Effekt verstärkt das Verlangen nach dem Mittel.
Bei regelmäßiger Einnahme passt sich das Gehirn an: Es produziert weniger eigene Schmerzlinderungs-Botenstoffe (endogene Opioide) und bildet weniger Rezeptoren aus. Das Ergebnis ist Toleranzentwicklung – die gleiche Dosis wirkt schwächer, es wird mehr benötigt. Bricht die Zufuhr ab, entsteht ein Entzugszustand, der von starkem Verlangen bis hin zu körperlichen Symptomen reicht.
Der Teufelskreis bei Kopfschmerzen
Ein besonders tückischer Mechanismus betrifft Menschen mit Kopfschmerzen: Häufige Analgetikaeinnahme senkt langfristig die Schmerzschwelle im Gehirn – das Nervensystem wird empfindlicher (zentrale Sensitivierung). Die Folge ist ein chronischer medikamenteninduzierter Kopfschmerz, der neue Einnahmen zu erzwingen scheint. Dieser Teufelskreis betrifft in Deutschland schätzungsweise 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung.
Risikofaktoren
Nicht alle Menschen entwickeln eine Abhängigkeit. Folgende Faktoren können das Risiko erhöhen:
- Chronische Schmerzen: Langandauernde Schmerzen fördern eine regelmäßige und schließlich schwer kontrollierbare Einnahme. Laut DEGAM-Handlungsempfehlung leidet rund ein Fünftel der deutschen Bevölkerung an chronischen Schmerzen.6)
- Psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen und Traumafolgestörungen (z. B. Posttraumatische Belastungsstörung) treten häufig gemeinsam mit Schmerzmittelabhängigkeit auf. Oft wird das Medikament auch zur Emotionsregulierung eingesetzt.7)
- Frühere Suchterkrankungen: Wer bereits eine Abhängigkeit von Alkohol oder anderen Substanzen entwickelt hat, trägt ein erhöhtes Risiko.
- Soziale Belastungen: Anhaltender Stress, soziale Isolation und fehlende Unterstützung können die unkontrollierte Einnahme begünstigen.
- Iatrogene Entstehung: Nicht selten beginnt die Abhängigkeit mit einer korrekten ärztlichen Verordnung – und entwickelt sich dann schrittweise unkontrolliert weiter, besonders wenn die Hintergründe des Schmerzes nicht ausreichend mitbehandelt werden.
„Ich nahm die Tabletten zuerst nur gegen meine Rückenschmerzen. Irgendwann merkte ich, dass ich unruhig wurde, wenn ich sie nicht dabei hatte – und das hatte nichts mehr mit dem Rücken zu tun."
Warnsignale: Wann wird die Einnahme zum Problem?
Kurz & Knapp
- Dosissteigerung ohne ärztliche Anweisung ist ein frühes Warnsignal.
- Das Gefühl, ohne Schmerzmittel den Alltag nicht bewältigen zu können, weist auf Abhängigkeit hin.
- Entzugssymptome bei Dosisreduktion sind ein klares körperliches Zeichen.
- Medikamenteninduzierter Kopfschmerz entsteht bei Einnahme an mehr als 15 Tagen pro Monat.
- Auch Rückmeldungen von Angehörigen können ein wichtiger Hinweis sein.
Warnsignale ernst zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche – es ist ein wichtiger erster Schritt.
Schmerzmittelabhängigkeit entwickelt sich selten von heute auf morgen. Oft beginnt sie mit einem harmlosen Muster, das sich langsam verschiebt. Die folgenden Warnsignale können darauf hinweisen, dass die Einnahme problematisch geworden ist:
Verhalten und Kontrollverlust
- Die Dosis wird ohne Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt eigenmächtig erhöht.
- Schmerzmittel werden eingenommen, obwohl kein akuter Schmerz vorhanden ist.
- Die Einnahme wird vor anderen verborgen oder bagatellisiert.
- Versuche, die Einnahme zu reduzieren, schlagen immer wieder fehl.
- Mehrere Arztpraxen werden aufgesucht, um Rezepte zu erhalten (sogenanntes „Doctor Shopping").
- Die Gedanken kreisen zunehmend darum, wann das nächste Mittel eingenommen werden kann.
Körperliche Warnsignale
- Entzugssymptome bei Dosisreduktion oder Auslassen einer Einnahme: Unruhe, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Schlafstörungen, Muskelschmerzen (besonders bei Opioiden).
- Nachlassende Wirkung bei gleicher Dosis – die gleiche Menge hilft weniger als früher (Toleranzentwicklung).
- Rebound-Schmerzen: Nach dem Abklingen der Wirkung werden die Schmerzen stärker als zuvor, was die nächste Einnahme zu erzwingen scheint.
Medikamenteninduzierter Kopfschmerz – ein unterschätztes Warnsignal
Wer an mehr als 15 Tagen im Monat zu Schmerzmitteln greift, läuft Gefahr, einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz (auch: Analgetika-Kopfschmerz oder Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz) zu entwickeln. Dabei verursacht das Mittel, das eigentlich helfen soll, selbst neue Kopfschmerzen. Dieser Kreislauf lässt sich meist nur durch einen strukturierten Entzug durchbrechen.
Psychische Warnsignale
- Angst oder Panik bei dem Gedanken, kein Schmerzmittel zur Hand zu haben.
- Stimmungstiefs, Reizbarkeit oder innere Unruhe ohne Schmerzmittel.
- Das Gefühl, ohne das Mittel nicht funktionieren oder schlafen zu können.
Rückmeldungen von Vertrauten, Freundinnen und Freunden oder Familienangehörigen können ebenfalls ein wichtiger Spiegel sein. Wenn Menschen im Umfeld die Einnahme als besorgniserregend wahrnehmen, lohnt es sich, das ernst zu nehmen.
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Körperliche und psychische Folgen der Schmerzmittelsucht
Kurz & Knapp
- Langfristiger Missbrauch schädigt innere Organe – besonders Leber, Nieren und Magenschleimhaut.
- Opioide können bei Überdosierung eine lebensbedrohliche Atemdepression verursachen.
- Psychische Folgen wie Depressionen und Angststörungen treten häufig auf und verstärken sich wechselseitig.
- Soziale Isolation, Rückzug aus Beziehungen und berufliche Einschränkungen sind häufige Konsequenzen.
- Mehrfachabhängigkeiten entstehen oft, wenn weitere Substanzen zur Linderung hinzukommen.
Die Folgen einer Schmerzmittelabhängigkeit betreffen Körper, Psyche und soziales Umfeld gleichermaßen.
Eine Schmerzmittelabhängigkeit bleibt selten ohne Folgen. Je länger der problematische Gebrauch andauert und je höher die Dosen sind, desto stärker sind in der Regel die Auswirkungen.
Körperliche Folgen
- Leberschäden: Paracetamol ist in hohen Dosen hepatotoxisch (lebertoxisch) – auch im Rahmen von Missbrauch. Eine Überdosierung kann zu akutem Leberversagen führen.
- Nieren- und Magenschäden: Ibuprofen und andere NSAID (Nicht-steroidale Antirheumatika) können bei Dauergebrauch Nierenfunktionsstörungen und Magengeschwüre verursachen, da sie die Produktion magenschützender Prostaglandine hemmen.
- Atemdepression: Eine der gefährlichsten Nebenwirkungen starker Opioide – bei Überdosierung kann die Atemtätigkeit lebensbedrohlich nachlassen. Laut Daten des Bundeskriminalamts war bei einem Großteil der drogenbedingten Todesfälle in Deutschland ein Substanzmix beteiligt.2)
- Hormonstörungen: Langfristige Opioidtherapie kann die Produktion von Sexualhormonen und Cortisol beeinflussen und zu Libidoverlust, Erschöpfung und Immunschwäche führen.
- Medikamenteninduzierter Kopfschmerz: Ein sich selbst aufrechterhaltender Teufelskreis, der ohne Entzug kaum zu durchbrechen ist.
Psychische Folgen
Die Wechselwirkungen zwischen Schmerzmittelabhängigkeit und psychischer Gesundheit sind eng und verlaufen in beide Richtungen: Psychische Erkrankungen können Missbrauch auslösen – und Missbrauch kann psychische Erkrankungen verstärken oder neu hervorrufen.
- Depressionen und anhaltende Antriebslosigkeit
- Angststörungen, insbesondere Angst vor Schmerzen (Schmerz-Katastrophisierung)
- Emotionale Abstumpfung und ausgeprägte Stimmungsschwankungen
- Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten
Soziale Folgen
Abhängigkeit wirkt sich fast immer auf das soziale Leben aus. Betroffene ziehen sich häufig zurück, vernachlässigen Freundschaften und Familienbeziehungen oder haben Schwierigkeiten, ihrer Arbeit nachzugehen. Das Verbergen der Einnahme kann zu Misstrauen und Konflikten führen.
Zudem ist das Risiko für Mehrfachabhängigkeiten erhöht: Manche Menschen greifen zusätzlich zu Alkohol, Benzodiazepinen oder anderen Substanzen, um Entzugssymptome zu lindern oder die Wirkung zu verstärken.7)
Hilfe und Behandlung: Wege aus der Schmerzmittelsucht
Kurz & Knapp
- Der erste Schritt ist das offene Gespräch mit einer Ärztin, einem Arzt oder in einer psychotherapeutischen Sprechstunde.
- Schmerzmittelentzug sollte medizinisch begleitet werden – besonders bei Opioiden.
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und andere psychotherapeutische Verfahren sind gut belegt.
- Multimodale Schmerztherapie hilft, den Kreislauf aus Schmerz und Medikament zu durchbrechen.
- Selbsthilfegruppen und die Sucht & Drogen Hotline bieten niedrigschwellige Unterstützung.
Professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Versagen – es ist ein Zeichen von Stärke.
Eine Schmerzmittelabhängigkeit ist behandelbar. Der Weg aus der Abhängigkeit erfordert Geduld und in vielen Fällen professionelle Unterstützung – aber er ist möglich.
Der erste Schritt: Arzt oder psychotherapeutische Sprechstunde
Der sinnvolle erste Schritt ist das offene Gespräch mit einer Hausärztin oder einem Hausarzt. Sie oder er kann einschätzen, welches Behandlungssetting am besten geeignet ist. Eine weitere niedrigschwellige Möglichkeit ist die psychotherapeutische Sprechstunde: Dort kann ohne lange Wartezeit eine erste Einschätzung vorgenommen und besprochen werden, ob ambulante oder stationäre Behandlung sinnvoll ist.
Entzug: ambulant, teilstationär oder stationär
Das Absetzen von Schmerzmitteln sollte – vor allem bei Opioiden – nicht abrupt erfolgen. Ein schrittweises Ausschleichen unter ärztlicher Aufsicht reduziert das Risiko intensiver Entzugssymptome. Je nach Ausprägung der Abhängigkeit sind folgende Settings möglich:
- Ambulanter Entzug: Geeignet bei geringer bis mittlerer Abhängigkeit, stabilen sozialen Verhältnissen und hoher Eigenmotivation.
- Teilstationärer Entzug: Tagesklinische Begleitung – Behandlung tagsüber, Übernachtung zu Hause.
- Stationärer Entzug: Bei schwerer Abhängigkeit, Mehrfachabhängigkeit oder psychiatrischen Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) empfohlen.
Psychotherapeutische Behandlung
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt als gut belegte Methode bei Medikamentenabhängigkeit. Sie hilft, Gedankenmuster zu erkennen, die die Einnahme aufrechterhalten, und alternative Strategien zur Schmerzbewältigung und Emotionsregulierung zu entwickeln. Auch andere Therapieverfahren können wirksam sein: motivierende Gesprächsführung, achtsamkeitsbasierte Ansätze, systemische Therapie oder psychodynamische Verfahren. Entscheidend ist: Überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist wichtiger als die spezifische Therapierichtung.
Multimodale Schmerztherapie
Wer gleichzeitig an chronischen Schmerzen leidet, profitiert von einer multimodalen Schmerztherapie: einem koordinierten Behandlungsansatz, der körperliche, psychische und soziale Aspekte gemeinsam berücksichtigt. Dieser umfasst u. a. Physiotherapie, Entspannungsverfahren, psychologische Schmerztherapie und ärztliche Behandlung. Der Ansatz basiert auf dem biopsychosozialen Modell und ist in der AWMF-Handlungsempfehlung für chronische Schmerzen verankert.6)
Opioidsubstitution
Bei schwerer Opioidabhängigkeit kann eine Substitutionsbehandlung mit Methadon oder Buprenorphin sinnvoll sein. Diese Therapie stabilisiert, verhindert Entzugs- und Craving-Symptome und schafft die Voraussetzung für psychosoziale Unterstützung. Laut einer Übersichtsarbeit von Koller et al. (2019) bleibt Substitutionstherapie ein wirksamer und lebensrettender Ansatz bei schwerer Opioidabhängigkeit.8)
Selbsthilfe und Beratungsangebote
Ergänzend zu professioneller Behandlung gibt es niedrigschwellige Unterstützung:
- Sucht & Drogen Hotline: 01805 313 031 (täglich erreichbar)
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, rund um die Uhr)
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Beratungsstellensuche unter dhs.de
- Selbsthilfegruppen: Anonyme Narcotics (NA) und regionale Angebote in vielen Städten
Rückfälle können Teil des Genesungsprozesses sein. Sie bedeuten nicht, dass die Behandlung gescheitert ist – sondern dass weitere Unterstützung gefragt ist.
Quellen
- Rauschert C, Seitz N-N, Olderbak S, Pogarell O, Dreischulte T, Kraus L: Abuse of non-opioid analgesics in Germany: prevalence and associations among self-medicated users. Front Psychiatry 2022; 13: 864389. / Rauschert C, Möckl J, Seitz NN et al.: The use of psychoactive substances in Germany – findings from the Epidemiological Survey of Substance Abuse 2021. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 527–34.
- Bundesbeauftragter für Sucht- und Drogenfragen: Datenportal Medikamente (Arzneiverordnungs-Report 2024). Online verfügbar unter: datenportal.bundesdrogenbeauftragter.de/medikamente (abgerufen Juni 2025).
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Medikamente – Zahlen, Daten, Fakten. ESA 2024 / DHS Jahrbuch Sucht. Online verfügbar unter: dhs.de (abgerufen Juni 2025).
- AWMF S3-Leitlinie LONTS: Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (AWMF-Registernummer 145-003). 2. Aktualisierung 2020. DOI: 10.1007/s00482-020-00472-y
- Bonnet U, Scherbaum N: How addictive are gabapentin and pregabalin? A systematic review. Eur Neuropsychopharmacol 2017; 27(12): 1185–1215. DOI: 10.1016/j.euroneuro.2017.08.430 (PubMed PMID: 28988943).
- DEGAM S1-Handlungsempfehlung: Chronischer nicht tumorbedingter Schmerz (AWMF-Register-Nr. 053-036). Aktualisierung November 2023.
- AWMF S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen (AWMF-Registernummer 038-025). 2021. Online verfügbar unter: register.awmf.org
- Koller G, Schwarzer A, Halfter K, Soyka M: Pain management in opioid maintenance treatment. Expert Opin Pharmacother 2019; 20(16): 1993–2005. DOI: 10.1080/14656566.2019.1652270 (PubMed PMID: 31418602).
Häufige Fragen
Kann ich durch Ibuprofen oder Paracetamol abhängig werden?
Ja, auch frei verkäufliche Nichtopioid-Analgetika wie Ibuprofen oder Paracetamol können zu einer Abhängigkeit führen – vorwiegend zu einer psychischen. Das größte Risiko ist der medikamenteninduzierte Kopfschmerz: Wer mehr als 15 Tage im Monat zu diesen Mitteln greift, kann einen dauerhaften Kopfschmerztypus entwickeln, der sich durch die Schmerzmittel selbst aufrechthält. Laut ESA 2021 weisen schätzungsweise 3 Millionen Menschen in Deutschland einen problematischen Gebrauch von Nichtopioid-Analgetika auf.
Was ist der Unterschied zwischen körperlicher Toleranz und Schmerzmittelabhängigkeit?
Toleranz bedeutet, dass der Körper sich an ein Medikament gewöhnt hat und die gleiche Wirkung eine höhere Dosis erfordert – das ist ein physiologischer Vorgang und allein kein Zeichen von Sucht. Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn zusätzlich Kontrollverlust, Craving (starkes Verlangen), Entzugssymptome und spürbare Einschränkungen im Alltag hinzukommen. Wer unsicher ist, ob bei sich oder jemandem im Umfeld eine Abhängigkeit vorliegt, sollte das in einer psychotherapeutischen Sprechstunde oder beim Arzt klären lassen.
Wie schnell kann man von Opioiden abhängig werden?
Das variiert je nach Substanz, Dosis und individuellen Risikofaktoren. Bei starken Opioiden kann sich eine körperliche Abhängigkeit bereits nach wenigen Wochen täglicher Einnahme entwickeln. Eine psychische Abhängigkeit kann sich noch früher einstellen, wenn das Mittel auch zur Stimmungsregulierung eingesetzt wird. Deshalb empfehlen Leitlinien wie die AWMF-LONTS, Opioide bei nicht-tumorbedingten Schmerzen nur unter strengen Bedingungen und mit engmaschiger ärztlicher Kontrolle einzusetzen.
Kann ich einfach aufhören, Schmerzmittel zu nehmen?
Bei leichteren Analgetika ist ein schrittweises Reduzieren oft möglich. Bei Opioiden oder bei ausgeprägter Abhängigkeit sollte das Absetzen jedoch nicht allein und ohne medizinische Begleitung erfolgen. Abruptes Absetzen kann intensive Entzugserscheinungen auslösen – bei Opioiden umfassen diese Unruhe, starke Schmerzen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen und Übelkeit. Ein strukturiertes, ärztlich begleitetes Ausschleichen ist deutlich sicherer und erhöht die Chancen auf langfristige Abstinenz.
Was ist ein medikamenteninduzierter Kopfschmerz?
Medikamenteninduzierter Kopfschmerz (auch: Analgetika-Kopfschmerz oder Übergebrauchskopfschmerz) entsteht, wenn Schmerzmittel an mehr als 15 Tagen im Monat eingenommen werden. Das zentrale Nervensystem senkt dabei langfristig die Schmerzschwelle, sodass die Schmerzmittel selbst neue Kopfschmerzen verursachen. Betroffen sind häufig Menschen mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen, die regelmäßig zu Analgetika greifen. Die Behandlung erfordert in der Regel einen begleiteten Entzug.
Ist Schmerzmittelsucht heilbar?
Suchterkrankungen – einschließlich Schmerzmittelabhängigkeit – sind behandelbar. Das bedeutet: Mit den richtigen Unterstützungsangeboten können Betroffene ein stabiles, selbstbestimmtes Leben führen. Rückfälle können Teil des Genesungsprozesses sein und bedeuten nicht, dass die Behandlung gescheitert ist. Entscheidend ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – sei es in einer Arztpraxis, einer Beratungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe.
Wo bekomme ich Hilfe bei Schmerzmittelsucht?
Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis und Suchtberatungsstellen. Die Sucht & Drogen Hotline (01805 313 031) ist täglich erreichbar und vermittelt Beratung und Behandlungsangebote. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bietet eine Beratungsstellensuche auf dhs.de. Bei akuten Krisen oder suizidalen Gedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111 (kostenlos).
