
Glücksspielsucht: Erkennen, Verstehen und Hilfe finden
Jedes Jahr verlieren Hunderttausende Menschen in Deutschland mehr Geld beim Glücksspiel, als sie sich leisten können – und viele merken erst spät, dass ihr Spielverhalten längst außer Kontrolle geraten ist. Glücksspielsucht, fachlich als Störung durch Glücksspielen bezeichnet, ist eine anerkannte Verhaltenssucht, die das Leben Betroffener und ihrer Familien tiefgreifend verändern kann.
Dieser Artikel erklärt dir verständlich, was eine Glücksspielsucht ausmacht, woran du sie erkennen kannst, was neurobiologisch dahintersteckt und welche Behandlungs- und Hilfsangebote in Deutschland zur Verfügung stehen. Du bist nicht allein damit – und es gibt wirksame Wege heraus.
Was ist Glücksspielsucht?
Kurz & Knapp
- Glücksspielsucht ist eine Verhaltenssucht, keine Frage der Willensschwäche.
- Sie ist offiziell als Erkrankung klassifiziert – in ICD-10 (F63.0) und ICD-11 (6C50).
- Laut Glücksspielsurvey 2025 sind hochgerechnet rund 4,4 Mio. Menschen in Deutschland betroffen.
- Männer erkranken etwa dreimal häufiger als Frauen; in Behandlungseinrichtungen liegt ihr Anteil bei rund 90 Prozent.
- Online-Glücksspiel erhöht das Suchtrisiko deutlich.
Glücksspielsucht ist eine behandelbare Erkrankung – mit dem richtigen Verständnis und professioneller Unterstützung ist Veränderung möglich.
Beim Glücksspiel ist der Ausgang überwiegend vom Zufall abhängig – und genau das macht es für manche Menschen gefährlich. Wer regelmäßig Geld setzt, um einen Gewinn zu erzielen, spielt mit dem eigenen Belohnungssystem. Glücksspielsucht entsteht, wenn das Spielverhalten die Kontrolle übernimmt: trotz wachsender Verluste, trotz belasteter Beziehungen, trotz des Wunsches, aufzuhören.
Glücksspielsucht gehört zu den Verhaltenssüchten – anders als bei Substanzabhängigkeiten wird keine psychoaktive Substanz eingenommen, aber das Gehirn-Belohnungssystem reagiert auf das Spielen ähnlich stark. In Deutschland ist die Erkrankung offiziell anerkannt: In der ICD-10-GM (dem in Deutschland gültigen Klassifikationssystem) trägt sie den Code F63.0 – Pathologisches Spielen.1)
Nicht jede Person, die Glücksspiele nutzt, entwickelt eine Sucht. Suchtforscher unterscheiden zwischen gelegentlichem Spielen, riskantem Spielverhalten und einer vollausgeprägten Sucht – die Übergänge sind fließend. Laut Glücksspielsurvey 2025 erfüllten in Deutschland insgesamt 5,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung die Kriterien für riskantes Spielverhalten, weitere 2,2 Prozent die Kriterien für eine Glücksspielsucht – hochgerechnet etwa 4,4 Millionen Menschen.2) Männer sind dabei deutlich häufiger betroffen als Frauen: Laut Glücksspielsurvey 2025 erfüllten 3,2 Prozent der Männer, aber nur 1,0 Prozent der Frauen die Diagnosekriterien einer Glücksspielsucht. In stationären Rehabilitationseinrichtungen lag der Männeranteil 2024 sogar bei 90 Prozent.2)
Ein besonders hohes Suchtrisiko birgt das Online-Glücksspiel: Da es rund um die Uhr und von überall verfügbar ist, zeigt laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, jetzt BIÖG) nahezu jeder fünfte Spielende von Online-Casinospielen ein problematisches oder abhängiges Spielverhalten.3)
Woran erkennst du Glücksspielsucht?
Kurz & Knapp
- Typische Zeichen sind steigende Einsätze, Kontrollverlust und das Hinterherjagen von Verlusten.
- Gedankliche Dauerbesetzung mit Glücksspiel ist ein Warnsignal.
- Lügen, Verschleieren und sozialer Rückzug begleiten die Sucht häufig.
- Auch Rückmeldungen von Familie oder Freunden können wertvoller Spiegel sein.
- Ein Selbsttest bietet erste Orientierung – ersetzt aber keine professionelle Diagnostik.
Viele Betroffene erkennen die Zeichen einer Glücksspielsucht bei sich selbst erst spät – das ist kein Versagen, sondern ein typisches Merkmal der Erkrankung.
Glücksspielsucht entwickelt sich oft schleichend. Was mit Freizeitvergnügen beginnt, kann sich über Monate oder Jahre hinweg zu einer ernsthaften Erkrankung verfestigen. Die folgenden Anzeichen orientieren sich an den Diagnosekriterien der ICD-10 und des DSM-5:
Typische Anzeichen im Überblick
- Steigende Einsätze: Du brauchst immer höhere Beträge, um denselben Kick zu erleben (Toleranzentwicklung).
- Kontrollverlust: Du kannst das Spielen nicht unterbrechen oder beenden, obwohl du es dir vornimmst.
- Gedankliche Dauerbesetzung: Du denkst ständig ans Glücksspiel – an vergangene Spielsitzungen, künftige Strategien oder die Beschaffung von Geld zum Spielen.
- Stimmungsregulation durch Spielen: Du spielst, um Stress abzubauen, Problemen zu entfliehen oder ein Gefühl von Erleichterung zu erzeugen.
- Verluste hinterherjagen (Chasing): Nach Verlusten kehrst du zurück, um das verlorene Geld zurückzugewinnen.
- Lügen und Verheimlichen: Du verbirgst das Ausmaß deines Spielens vor Familie, Freunden oder dem Arbeitgeber.
- Gefährdung wichtiger Lebensbereiche: Beziehungen, Ausbildung, Beruf oder Finanzen stehen durch das Spielen auf dem Spiel.
- Entzugsähnliche Symptome: Wenn du nicht spielen kannst, erlebst du Unruhe, Reizbarkeit oder innere Anspannung.
- Finanzieller Notstand: Du bist auf Geld anderer angewiesen, weil du es verspielt hast.
Für eine Störung durch Glücksspielen nach DSM-5 genügen bereits vier von neun dieser Kriterien über zwölf Monate hinweg. Wichtig: Nicht alle Punkte müssen zutreffen. Wenn du dich in mehreren davon wiedererkennst, lohnt es sich, professionelle Unterstützung zu suchen.
Auch Rückmeldungen von Menschen aus deinem Umfeld – Partnerinnen und Partner, Freunde, Kolleginnen und Kollegen – können ein hilfreicher Spiegel sein. Manchmal sehen andere Veränderungen im Verhalten, bevor man sie selbst wahrnimmt.
„Ich dachte lange, ich habe alles im Griff. Ich spielte ja nur abends, nach der Arbeit. Aber irgendwann saß ich bis drei Uhr morgens am Laptop und log meiner Frau ins Gesicht, was ich die ganze Zeit gemacht hatte."
Spielst du zu viel?
Unser anonymer Selbsttest gibt dir erste Orientierung. Er ersetzt keine professionelle Diagnostik, kann aber ein hilfreicher erster Schritt sein.
Zum Selbsttest GlücksspielWie entsteht Glücksspielsucht?
Kurz & Knapp
- Glücksspiel aktiviert das dopaminerge Belohnungssystem ähnlich wie psychoaktive Substanzen.
- Unregelmäßige Belohnungen (intermittierende Verstärkung) sind besonders suchtfördernd.
- Der Beinahe-Gewinn-Effekt (Near-Miss-Effekt) hält das Spielen aufrecht.
- Genetische Veranlagung, psychische Erkrankungen und früher Spielbeginn gelten als Risikofaktoren.
- Online-Glücksspiel setzt gezielt auf designtechnische Mechanismen, die das Suchtrisiko erhöhen.
Glücksspielsucht ist ein Ergebnis komplexer neurobiologischer und psychosozialer Prozesse.
Was im Gehirn passiert
Glücksspiel aktiviert das dopaminerge Belohnungssystem des Gehirns – insbesondere den mesolimbischen Pfad mit dem Nucleus accumbens als zentraler Schaltstelle. Bei einem Gewinn (oder schon bei der Erwartung eines Gewinns) schüttet das Gehirn Dopamin aus, einen Botenstoff, der Freude und Motivation auslöst. Dieser Mechanismus ist bei Glücksspiel besonders wirksam, weil die Belohnungen unregelmäßig und unvorhersehbar sind: Gelegentliche Gewinne nach vielen Verlusten erzeugen ein stärkeres Lernmuster als regelmäßige Belohnungen – Fachleute sprechen von intermittierender Verstärkung.
Besonders tückisch ist der sogenannte Beinahe-Gewinn-Effekt (Near-Miss-Effekt): Fast-Treffer – zum Beispiel zwei von drei übereinstimmenden Symbolen an einem Spielautomaten – werden vom Gehirn ähnlich wie echte Gewinne verarbeitet. Das motiviert zum Weiterspielen, obwohl kein Gewinn erzielt wurde. Moderne Spielautomaten und Online-Casinospiele sind gezielt so gestaltet, dass diese Effekte häufig auftreten – ein Beispiel für sogenannte Dark Patterns im Spieldesign.
Bei Menschen mit einer ausgeprägten Glücksspielsucht zeigen Studien Veränderungen im präfrontalen Kortex – dem Bereich, der für Impulskontrolle, Risikoabwägung und Entscheidungsfindung zuständig ist. Die Fähigkeit, kurzfristige Befriedigung zugunsten langfristiger Ziele zurückzustellen, ist beeinträchtigt – ein Befund, der auch aus der Forschung zu Substanzabhängigkeiten bekannt ist.
Risikofaktoren
Nicht alle Menschen, die Glücksspiele spielen, entwickeln eine Sucht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bestimmte Faktoren das Risiko erhöhen können:
- Genetische Veranlagung: Eine familiäre Häufung von Suchterkrankungen (Substanzen oder Verhalten) erhöht die Vulnerabilität.
- Psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) kommen bei Menschen mit Glücksspielsucht besonders häufig vor.
- Frühes Spielalter: Laut Hamburger SCHULBUS-Erhebung (2025) nehmen bereits rund 17 Prozent der 14- bis 17-Jährigen mindestens einmal monatlich an Glücksspielen teil5) – früher Kontakt erhöht das spätere Suchtrisiko.
- Traumaerfahrungen: Kindheitstraumata und Belastungsstörungen können die Anfälligkeit für suchtartiges Spielverhalten als Bewältigungsstrategie erhöhen.
- Soziales Umfeld: Ein Umfeld, in dem Glücksspiel normalisiert wird oder frühe Gewinnerlebnisse das Spielen positiv konditionieren, begünstigt die Entwicklung.
- Verfügbarkeit: Die jederzeitige Erreichbarkeit von Online-Glücksspielen auf Smartphone und Computer senkt die Schwelle erheblich.
Der Kreislauf der Glücksspielsucht
Viele Betroffene beschreiben einen typischen Kreislauf: Auf einen Auslöser (Stress, Langeweile, negative Emotionen) folgt das Spielen als Bewältigungsversuch. Ein Gewinn verstärkt das Verhalten – ein Verlust löst den Drang aus, die Kontrolle zurückzugewinnen, indem man weiterspielt. Mit der Zeit braucht es höhere Einsätze und häufigeres Spielen, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Dieser Kreislauf kann durchbrochen werden – professionelle Unterstützung hilft dabei, neue Strategien zu entwickeln.
Folgen und Begleiterkrankungen
Kurz & Knapp
- Glücksspielsucht verursacht finanzielle, soziale und psychische Schäden.
- Schulden, Jobverlust und Beziehungsbrüche gehören zu den häufigsten Folgen.
- Depression, Angststörungen und Substanzabhängigkeiten treten oft gleichzeitig auf.
- Das Suizidrisiko ist bei Menschen mit Glücksspielsucht erhöht.
- Auch Kinder und Angehörige sind mitbetroffen.
Die Folgen einer Glücksspielsucht betreffen selten nur eine Person – sie wirken in alle Lebensbereiche hinein und belasten das gesamte soziale Umfeld.
Finanzielle Folgen
Schulden sind für viele Betroffene die sichtbarste Folge einer Glücksspielsucht. Was mit kleinen Beträgen beginnt, kann zu existenzbedrohenden Schuldenspiralen führen. Viele Menschen verschleiern die Verluste, leihen sich Geld von Familie und Freunden, oder – im schlimmsten Fall – begehen Beschaffungskriminalität. Die finanzielle Belastung trifft Betroffene und ihr nahes Umfeld dabei am stärksten. Auch auf gesellschaftlicher Ebene hat die Glücksspielsucht Auswirkungen: Die volkswirtschaftlichen Kosten in Deutschland werden auf rund 326 Millionen Euro pro Jahr geschätzt, darunter Behandlungskosten, Gerichtskosten und Produktivitätsverluste.4)
Psychische Folgen
Glücksspielsucht geht sehr häufig mit anderen psychischen Erkrankungen einher – Fachleute sprechen von Komorbidität (gleichzeitig bestehenden Erkrankungen). Besonders verbreitet sind:
- Depressionen und Angststörungen – oft sowohl Ursache als auch Folge der Sucht.
- ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) – erhöhte Impulsivität gilt als Risikofaktor.
- Substanzabhängigkeiten – insbesondere Alkoholabhängigkeit kommt überdurchschnittlich häufig vor.
- Erhöhtes Suizidrisiko: Studien zeigen, dass Menschen mit Glücksspielsucht ein deutlich erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche haben. Wenn du selbst in einer Krise bist, wende dich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos und rund um die Uhr) oder die Sucht & Drogen Hotline (01805 313 031).
Soziale und berufliche Folgen
Glücksspielsucht belastet Beziehungen erheblich: Lügen, Verheimlichen und finanzielle Abhängigkeit zerstören Vertrauen. Trennungen, Scheidungen und der Rückzug aus Freundschaften sind häufige Folgen. Auch das Berufsleben leidet – Konzentrationsprobleme, häufige Fehlzeiten oder gar Unterschlagung am Arbeitsplatz können hinzukommen. Kinder von Menschen mit Glücksspielsucht erleben oft emotionale Vernachlässigung und finanzielle Unsicherheit.6)
Behandlung und Hilfe
Kurz & Knapp
- Der erste Schritt ist eine psychotherapeutische Sprechstunde – dort wird das passende Behandlungssetting eingeschätzt.
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die am besten untersuchte Methode mit guter Evidenz.
- Auch andere Therapieverfahren können wirksam sein – überhaupt Hilfe zu suchen ist entscheidend.
- Selbsthilfegruppen wie Gamblers Anonymous ergänzen professionelle Behandlung.
- Kostenlose Beratung gibt es telefonisch unter 0800 1 37 27 00 (BZgA/BIÖG).
Glücksspielsucht ist behandelbar. Rückfälle können Teil des Genesungsprozesses sein – sie bedeuten nicht, dass eine Behandlung gescheitert ist.
Der erste Schritt: Hilfe suchen
Wenn du erkennst, dass dein Spielverhalten problematisch sein könnte, ist es sinnvoll, zunächst eine psychotherapeutische Sprechstunde aufzusuchen. Dort kann eingeschätzt werden, welches Behandlungssetting am besten zu deiner Situation passt – ambulante Beratung, ambulante Psychotherapie oder stationäre Rehabilitation.
Viele Menschen wenden sich zunächst an eine Suchtberatungsstelle. Diese sind kostenlos, vertraulich und in ganz Deutschland verfügbar. Die Mitarbeitenden können die Lage einschätzen, begleiten und an weiterführende Angebote vermitteln. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bietet ein bundesweites Suchthilfeverzeichnis unter www.dhs.de.7)
Psychotherapie und evidenzbasierte Verfahren
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist das am besten untersuchte psychotherapeutische Verfahren bei Glücksspielsucht. Mehrere Metaanalysen zeigen, dass KVT den Schweregrad der Störung, die Spielhäufigkeit und die eingesetzten Beträge signifikant reduzieren kann.8, 9) Darüber hinaus verbessert KVT auch verzerrte Glücksspielperzeptionen (also fehlerhafte Überzeugungen über Gewinnwahrscheinlichkeiten), Bewältigungskompetenzen (Coping-Strategien) und die Selbstwirksamkeit (das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit) der Betroffenen.10)
Andere Therapieverfahren – darunter Motivational Interviewing (motivierende Gesprächsführung), achtsamkeitsbasierte Ansätze, systemische Therapie und – bei entsprechender Indikation – pharmakologische Behandlungen – können ebenfalls wirksam sein. Entscheidend ist: Überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist wichtiger als die spezifische Therapierichtung.
Selbsthilfe als Ergänzung
Selbsthilfegruppen wie Gamblers Anonymous (anonyme Spieler) bieten Betroffenen einen Raum, um Erfahrungen zu teilen und sich gegenseitig zu stützen. Sie ersetzen keine professionelle Behandlung, können diese aber sinnvoll ergänzen. Informationen findest du unter anonyme-spieler.org.
Hilfsangebote auf einen Blick
- Telefonberatung BZgA/BIÖG: 0800 1 37 27 00 (kostenlos, rund um die Uhr)7)
- Online-Beratung und Informationen: check-dein-spiel.de
- Suchthilfeverzeichnis: dhs.de/hilfe-finden
- Telefonseelsorge (Krisen): 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7)
Beratung finden – in deiner Nähe
Das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen listet Beratungsstellen in allen Bundesländern – kostenlos und vertraulich.
Beratungsstelle suchenWas Angehörige tun können
Kurz & Knapp
- Angehörige tragen die Sucht eines nahen Menschen oft mit – das heißt Co-Abhängigkeit.
- Schulden begleichen oder Lügen decken hilft langfristig nicht.
- Klare, liebevolle Grenzen schützen dich und können Veränderung ermöglichen.
- Gam-Anon ist eine Selbsthilfegruppe speziell für Angehörige von Menschen mit Glücksspielsucht.
- Auch du als Angehörige oder Angehöriger hast ein Recht auf Unterstützung.
Als Angehörige oder Angehöriger kannst du nicht die Sucht eines anderen Menschen heilen – aber du kannst gut für dich selbst sorgen und klare Grenzen setzen.
Wenn ein nahestehender Mensch von Glücksspielsucht betroffen ist, geraten auch Angehörige – Partnerinnen und Partner, Eltern, Kinder, Geschwister – in eine schwierige Lage. Die Belastung ist enorm: Lügen, Schulden, Vertrauensbrüche und das ständige Gefühl, helfen zu müssen, ohne zu wissen wie.
Co-Abhängigkeit erkennen
Viele Angehörige entwickeln Verhaltensweisen, die die Sucht unbeabsichtigt aufrechterhalten – die sogenannte Co-Abhängigkeit. Dazu gehören das Decken von Schulden, das Erfinden von Erklärungen gegenüber Dritten oder das Übernehmen von Verantwortung für den Betroffenen. Diese Strategien entstehen aus Fürsorge und Liebe – sie sind verständlich, helfen dem betroffenen Menschen aber langfristig nicht.
Was hilft – und was nicht
Studien und klinische Erfahrungen zeigen: Angehörige können Veränderung nicht erzwingen, aber sie können eine Umgebung schaffen, die Veränderung wahrscheinlicher macht. Hilfreiche Ansätze:
- Das Gespräch suchen – offen und ohne Vorwürfe: Suche einen ruhigen Moment und sprich die betroffene Person an. Sage ihr, dass du dir Sorgen machst, und frage, wie du für sie da sein kannst. Verzichte auf Vorwürfe oder Begriffe, die verletzen. Du kannst auch anbieten, gemeinsam Infomaterial zu besorgen oder einen Beratungstermin zu vereinbaren.
- Klare Grenzen setzen: Entscheide, was du bereit bist zu tragen – und was nicht. Grenzen dienen deinem Schutz und sind kein Angriff.
- Keine Schulden begleichen: Finanzielle Rettungsaktionen verschieben die Konsequenzen und halten den Kreislauf aufrecht.
- Nicht lügen oder decken: Wenn du die Sucht nach außen verbirgst, trägt das zu ihrer Fortdauer bei.
Hilfe für Angehörige
Gam-Anon ist eine Selbsthilfegruppe speziell für Menschen, die mit der Glücksspielsucht einer nahestehenden Person leben. Informationen gibt es unter gam-anon.de. Auch Suchtberatungsstellen beraten Angehörige – oft auch ohne, dass die betroffene Person selbst dabei ist. Denk daran: Du hast ein Recht auf Unterstützung, unabhängig davon, ob die betroffene Person Hilfe annimmt oder nicht.
„Ich habe jahrelang alles gedeckt – die Schulden, die Ausreden. Ich dachte, ich tue es für meine Familie. Erst in der Angehörigenberatung habe ich verstanden, dass ich auch Hilfe brauche."
Quellen
- WHO (2022): International Classification of Diseases, 11th Revision (ICD-11). Störung durch Glücksspielen, Code 6C50. Hinweis: In Deutschland wird für die Abrechnung weiterhin die ICD-10-GM (F63.0) verwendet (Stand 2026).
- Datenportal des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen (2025): Glücksspiel – Zahlen und Fakten. Zugegriffen am 04.06.2026. https://datenportal.bundesdrogenbeauftragter.de/gluecksspiel
- Bundesdrogenbeauftragte / BZgA (2021): Online-Glücksspiel – nahezu jeder fünfte Spielende zeigt problematisches Verhalten. Pressemitteilung.
- Meyer, G. (2024): Glücksspiel – Zahlen und Fakten. In: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.): DHS Jahrbuch Sucht 2024. Lengerich: Pabst. Sowie: Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) (2025): Nettospielverluste 2024.
- Baumgärtner, T. & Hiller, P. (2022/2025): SCHULBUS-Untersuchung 2021/22 und Folgeerhebung. Hamburg: Sucht.Hamburg gGmbH.
- Datenportal des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen: Glücksspiel – Auswirkungen auf das soziale Umfeld. Zugegriffen am 04.06.2026. https://datenportal.bundesdrogenbeauftragter.de/gluecksspiel
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Suchthilfeverzeichnis und Telefonberatung. https://www.dhs.de/hilfe-finden – Telefonberatung BZgA/BIÖG: 0800 1 37 27 00 (kostenlos, 24/7).
- Pfund, R. A. et al. (2023): Cognitive-behavioral treatment for gambling harm: Umbrella review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 105, 102336. DOI: 10.1016/j.cpr.2023.102336 (PubMed PMID: 37717456).
- Pfund, R. A. et al. (2023): Effect of cognitive-behavioral techniques for problem gambling and gambling disorder. Addiction, 118(9), 1661–1674. DOI: 10.1111/add.16221 (PubMed PMID: 37381589).
- Free, B. L. et al. (2024): Does cognitive-behavioral treatment affect putative mechanisms of change among individuals with problem gambling? Addictive Behaviors, 158, 108110. DOI: 10.1016/j.addbeh.2024.108110 (PubMed PMID: 39089195).
Häufige Fragen
Ab wann spricht man von Glücksspielsucht?
Von einer Glücksspielsucht (Störung durch Glücksspielen) spricht man, wenn das Spielverhalten außer Kontrolle geraten ist und trotz negativer Konsequenzen aufrechterhalten wird. Nach dem DSM-5 genügen bereits vier von neun Diagnosekriterien über einen Zeitraum von zwölf Monaten. Typische Zeichen sind Kontrollverlust, das Hinterherjagen von Verlusten, steigende Einsätze und das Vernachlässigen wichtiger Lebensbereiche. Ein erster Schritt kann ein anonymer Selbsttest sein – eine verbindliche Einschätzung liefert nur eine professionelle Diagnostik.
Ist Glücksspielsucht heilbar?
Glücksspielsucht ist eine chronische, aber behandelbare Erkrankung. Viele Betroffene berichten nach einer Behandlung von deutlicher Verbesserung ihrer Lebensqualität und einem stabilen Leben ohne problematisches Spielen. Rückfälle können Teil des Genesungsprozesses sein – sie bedeuten nicht, dass eine Behandlung gescheitert ist. Mit professioneller Unterstützung, sozialer Einbindung und gegebenenfalls Selbsthilfe ist nachhaltige Veränderung für viele Menschen möglich.
Welche Therapie ist bei Glücksspielsucht am wirksamsten?
Mehrere unabhängige Metaanalysen zeigen, dass die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei Glücksspielsucht gut wirksam ist: Sie reduziert nachweislich die Schwere der Störung, die Spielhäufigkeit und die eingesetzten Beträge. Zugleich verbessert sie verzerrte Glücksspielperzeptionen und Bewältigungskompetenzen. Auch motivierende Gesprächsführung, achtsamkeitsbasierte Verfahren und systemische Ansätze können wirksam sein. Wichtiger als die spezifische Therapieform ist, überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Gibt es kostenlose Hilfe bei Glücksspielsucht?
Ja. In Deutschland gibt es ein breites, kostenfreies Hilfeangebot: Die Telefonberatung der BZgA/BIÖG ist unter 0800 1 37 27 00 kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Suchtberatungsstellen in allen Bundesländern bieten kostenlose persönliche Beratung an – das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hilft bei der Suche. Auch die Online-Plattform check-dein-spiel.de bietet Informationen und eine anonyme Beratung.
Warum hören Menschen mit Glücksspielsucht nicht einfach auf?
Glücksspielsucht ist keine Frage der Willensstärke. Das Spielverhalten verändert über die Zeit die Funktionsweise des Gehirns – insbesondere das Belohnungssystem und die Impulskontrollzentren im präfrontalen Kortex. Die sogenannte intermittierende Verstärkung (unregelmäßige Belohnungen) und der Beinahe-Gewinn-Effekt halten das Spielen auch dann aufrecht, wenn Betroffene aufhören wollen. Aufzuhören erfordert deshalb in der Regel professionelle Unterstützung, nicht nur guten Willen.
Wie kann ich einem Angehörigen mit Glücksspielsucht helfen?
Am hilfreichsten ist es, klare, liebevolle Grenzen zu setzen, keine Schulden zu begleichen und die Sucht nicht nach außen zu decken. Gespräche in ruhigen Momenten – nicht direkt nach einer Spielsitzung – sind eher erfolgversprechend. Suchtberatungsstellen beraten auch Angehörige, auch ohne dass die betroffene Person dabei ist. Die Selbsthilfegruppe Gam-Anon (gam-anon.de) richtet sich speziell an Menschen, die mit der Glücksspielsucht einer nahestehenden Person leben.
Ist Online-Glücksspiel gefährlicher als Spielen in Spielhallen?
Laut BZgA-Studiendaten zeigt nahezu jeder fünfte Spielende von Online-Casinospielen ein problematisches oder abhängiges Spielverhalten. Das erhöhte Risiko erklärt sich durch die jederzeitige Verfügbarkeit, das Spielen im privaten Rahmen ohne soziale Kontrolle und gezielt eingesetzte Designmechanismen (sogenannte Dark Patterns), die das Spielverhalten verlängern. Das bedeutet nicht, dass terrestrisches Glücksspiel ungefährlich ist – beide Formen können eine Sucht auslösen oder verstärken.