Symbolbild: Person scrollt abends auf dem Sofa am Smartphone

Social-Media-Sucht Symptome: Woran du problematischen Konsum erkennst

Kurz noch die Benachrichtigungen checken – und plötzlich sind 40 Minuten vergangen. Dieses Erlebnis kennen viele. Für manche Menschen entwickelt sich die tägliche Social-Media-Nutzung jedoch zu einem Muster, das echten Schaden anrichtet: an der Stimmung, an Schlaf, an Beziehungen und Konzentration. Dann spricht die Forschung von problematischem Social-Media-Konsum (englisch: Problematic Social Media Use, kurz PSMU). Dieser Artikel erklärt dir, welche Symptome auf ein solches Muster hinweisen, warum es entsteht – und welche ersten Schritte zur Unterstützung hilfreich sein können.

Was ist problematischer Social-Media-Konsum? – Einordnung und Verbreitung

Kurz & Knapp

  • Social-Media-Nutzung ist erst dann klinisch relevant, wenn sie Leidensdruck erzeugt oder wichtige Lebensbereiche beeinträchtigt.
  • Fachleute sprechen bevorzugt von 'problematischem Konsum' statt automatisch von 'Sucht'.
  • In Deutschland gibt es keinen eigenen ICD-10-GM-Diagnoseschlüssel – Behandlung ist trotzdem möglich.
  • Laut DAK-Studie erfüllen rund 6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland Suchtkriterien für Social-Media-Nutzung.
  • Fehlender Diagnosecode bedeutet nicht, dass das Leiden unbehandelt bleiben muss.

Problematischer Social-Media-Konsum ist real, messbar und behandelbar – auch ohne eigenen Diagnoseschlüssel.

Social Media ist für die meisten Menschen ein normaler Teil des Alltags. Scrolling, Liken, Kommentieren – das machen Milliarden von Menschen täglich, ohne nachteilige Folgen. Problematisch wird es, wenn die Nutzung die Kontrolle übernimmt: wenn Betroffene immer wieder mehr Zeit damit verbringen als geplant, wenn Versuche, weniger zu nutzen, immer wieder scheitern, oder wenn die App zur einzigen verlässlichen Methode wird, mit schlechter Stimmung umzugehen.

In der Wissenschaft ist die Frage, ob man hier von einer echten „Sucht" sprechen kann, noch nicht abschließend geklärt. Manche Forscherinnen und Forscher verwenden den Begriff Verhaltenssucht, andere plädieren dafür, ihn zu vermeiden, da die Schwere der Folgen sich oft nicht mit klassischen Substanzabhängigkeiten vergleichen lässt.2) Für Betroffene ist diese Debatte zweitrangig: Entscheidend ist, ob das Nutzungsverhalten Leid verursacht und das Leben einschränkt.

In Deutschland wird für offizielle Diagnosekodierung weiterhin die ICD-10-GM verwendet. Social-Media-Sucht hat dort keinen eigenen Schlüssel. Klinisch kann die Problematik unter F63.8 (Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle) eingeordnet werden. Die internationale ICD-11 der WHO (seit Januar 2022 gültig, in Deutschland noch nicht amtlich eingeführt) kennt unter 6C5Y (Sonstige näher bezeichnete Störungen durch Verhaltenssüchte) eine passende Kategorie. Problematischer Social-Media-Konsum lässt sich dort als Unterform der sogenannten Internetnutzungsstörung einordnen – neben beispielsweise Computerspielsucht, Online-Kaufsucht oder Online-Glücksspiel. Wichtig: Ein fehlender eigener Diagnoseschlüssel bedeutet ausdrücklich nicht, dass keine professionelle Behandlung möglich ist.

Die sechs Kernsymptome – das Bergen-Modell

Kurz & Knapp

  • Die Bergen Social Media Addiction Scale (BSMAS) beschreibt sechs wissenschaftlich erprobte Kriterien.
  • Gedankliche Vereinnahmung: Social Media dominiert die Gedanken, auch ohne Bildschirm.
  • Stimmungsregulation und Konflikte sind die Kriterien mit dem stärksten Zusammenhang zu Depression und Angst.
  • Toleranzentwicklung und gedankliche Vereinnahmung allein unterscheiden engagierte nicht zuverlässig von problematischen Nutzenden.
  • Erst wenn mehrere Kriterien zusammentreffen und echten Leidensdruck erzeugen, spricht man von einem problematischen Muster.

Die sechs Kriterien bieten eine klare Orientierung – auch ohne formale Diagnostik.

Das in der Forschung am häufigsten verwendete Rahmenmodell ist die Bergen Social Media Addiction Scale (BSMAS). Sie beschreibt sechs Symptombereiche, die aus der allgemeinen Suchtforschung abgeleitet wurden.1) Hier sind sie in verständlicher Sprache erklärt:

  1. Gedankliche Vereinnahmung (Salience): Social Media beschäftigt dich gedanklich, auch wenn du gerade gar nicht online bist. Du planst schon, was du später posten wirst, oder fragst dich ständig, was du verpassen könntest.
  2. Toleranzentwicklung (Tolerance): Du brauchst immer mehr Zeit auf Plattformen – oder immer stärkere Inhalte –, um dasselbe Gefühl von Befriedigung oder Ablenkung zu erreichen wie früher.
  3. Stimmungsregulation (Mood Modification): Du greifst zu Social Media, um Stress, Einsamkeit, Langeweile oder Traurigkeit zu bewältigen. Die App wird zum wichtigsten Werkzeug für emotionale Regulation.
  4. Rückfall (Relapse): Du hast es schon mehrfach ernsthaft versucht, weniger zu nutzen – und bist immer wieder in alte Muster zurückgefallen.
  5. Entzugserscheinungen (Withdrawal): Wenn du kein Smartphone zur Hand hast oder die Apps bewusst nicht nutzt, wirst du unruhig, gereizt oder ängstlich.
  6. Konflikte (Conflict): Die Nutzung erzeugt Probleme: in Beziehungen, in Schule oder Beruf – oder du vernachlässigst Aktivitäten und Hobbys, die dir eigentlich wichtig sind.

Eine Analyse mit über 10.000 Teilnehmenden zeigt, dass vor allem Stimmungsregulation und Konflikte die Brückensymptome (Brücken-Symptome) sind – sie sind am engsten mit Depression, Angst und Stress verbunden. Gedankliche Vereinnahmung und Toleranz allein lassen sich dagegen nicht zuverlässig von intensivem, aber unproblematischem Engagement unterscheiden.1) Erst wenn mehrere Kriterien zusammen auftreten und echten Leidensdruck erzeugen, spricht man von einem problematischen Muster.

„Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich beim Abendessen gedanklich schon gar nicht mehr dabei war – ich dachte die ganze Zeit daran, was ich auf Instagram verpasst haben könnte. Als ich mal ein Wochenende ohne Handy versucht habe, war ich so gereizt, dass meine Familie gefragt hat, ob ich krank bin."

Anonym, 26 Jahre (Erfahrungsbericht)

Psychische Warnsignale: Wenn Social Media die Stimmung übernimmt

Kurz & Knapp

  • Problematischer Social-Media-Konsum ist eng mit Depression, Angst und erhöhtem Stress verbunden.
  • Betroffene berichten häufig von Emotionsregulationsdefiziten und geringerer Achtsamkeit.
  • Ein Teufelskreis entsteht: psychische Belastung treibt zur Mehrnutzung – Mehrnutzung erzeugt neue Belastung.
  • Vergleiche mit anderen Profilen können Selbstwertgefühl und Körperbild negativ beeinflussen.
  • Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld sind ein hilfreicher früher Spiegel.

Psychische Warnsignale sind oft der entscheidende Hinweis, dass die Nutzung ein problematisches Ausmaß angenommen hat.

Ein zentrales Warnsignal ist die Veränderung der Stimmungslage. Viele Betroffene berichten, dass sie sich nach ausgedehnten Social-Media-Sitzungen schlechter fühlen als vorher – erschöpft, leer oder unzufrieden. Trotzdem kehren sie immer wieder zur App zurück, weil sie kurzfristig Erleichterung oder Ablenkung bringt. Dieses Muster – Nutzung zur Stimmungsregulation, die mittelfristig die Stimmung verschlechtert – kann ein Kennzeichen problematischen Konsums sein.

Die DAK-Mediensuchtstudie zeigt: Jugendliche mit problematischem Social-Media-Konsum berichten signifikant häufiger von depressiven Symptomen, Angstsymptomen und einem erhöhten Stressniveau als Gleichaltrige ohne solche Muster. Gleichzeitig fehlen ihnen häufiger sogenannte adaptive Emotionsregulationsstrategien (Fähigkeiten, konstruktiv mit negativen Gefühlen umzugehen).3) Studienleiter Rainer Thomasius vom DZSKJ beschreibt diesen Mechanismus als Teufelskreis: Psychisch belastete Menschen neigen eher zu problematischer Nutzung – und übermäßige Nutzung führt wiederum zu neuen Belastungen.3)

Folgende psychische Veränderungen können ebenfalls mit einem problematischen Social-Media-Konsum zusammenhängen:

  • Anhaltende Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen oder Leben im Vergleich zu Profilen anderer4)
  • Das Gefühl, ohne Bestätigung durch Likes oder Kommentare nichts wert zu sein
  • Konzentrationsprobleme und Schwierigkeiten, einem Gespräch oder einer Aufgabe ungestört zu folgen5)
  • Gedankenkreisen um Social Media, auch in Situationen, die eigentlich volle Präsenz erfordern

Wenn nahestehende Menschen – Freunde, Familienmitglieder oder Kolleginnen und Kollegen – die Nutzung oder Veränderungen im Verhalten ansprechen, ist das ein wertvoller Spiegel. Außenstehende nehmen solche Veränderungen oft früher wahr als Betroffene selbst.

Körperliche und soziale Zeichen

Kurz & Knapp

  • Schlafstörungen durch nächtliche Bildschirmnutzung sind ein häufiges körperliches Warnsignal.
  • Kopfschmerzen, Nackenverspannungen und Augenbelastung entstehen durch langes Starren auf kleine Bildschirme.
  • Mahlzeiten, Sport und Hobbys werden vernachlässigt, wenn Social Media zur bestimmenden Priorität wird.
  • Reale soziale Beziehungen leiden, wenn virtuelle Interaktionen sie zunehmend verdrängen.
  • Schulische und berufliche Leistungen können durch Konzentrationsprobleme und Schlafmangel nachlassen.

Körperliche und soziale Zeichen machen sichtbar, wenn problematischer Konsum in alle Lebensbereiche hineinreicht.

Problematischer Social-Media-Konsum hinterlässt nicht nur in der Psyche Spuren. Auch körperlich und sozial zeigen sich Zeichen, die eine genauere Betrachtung wert sind.

Körperliche Zeichen

  • Schlafstörungen: Viele Betroffene nutzen Social Media bis kurz vor dem Einschlafen oder greifen nachts ans Gerät. Das blaue Licht der Bildschirme hemmt die Melatoninausschüttung und erschwert das Einschlafen; gleichzeitig hält aufregender Content das Gehirn aktiviert.
  • Anhaltende Erschöpfung: Wer das Smartphone als erste und letzte Handlung des Tages nutzt, gibt dem Gehirn kaum echte Erholungsphasen.
  • Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Augenbeschwerden: Langes Starren auf kleine Bildschirme in ungünstiger Körperhaltung belastet Augen sowie Hals- und Nackenmuskulatur.
  • Vernachlässigung körperlicher Grundbedürfnisse: Mahlzeiten werden übersprungen, Bewegung wird reduziert, Trinken vergessen – weil die Nutzung die zeitliche Kontrolle übernimmt.

Soziale Zeichen

  • Rückzug aus realen Begegnungen: Treffen mit Freunden oder Familie werden als lästig empfunden oder vermieden, wenn sie die Online-Nutzung unterbrechen würden.
  • Konflikte im Umfeld: Beziehungen leiden, wenn Partnerinnen und Partner, Eltern oder Freunde ständig um Aufmerksamkeit konkurrieren müssen.
  • Leistungseinbußen in Schule oder Beruf: Konzentrationsprobleme, Ablenkung durch Benachrichtigungen und Schlafmangel schlagen sich in Noten oder Arbeitsqualität nieder.5)
  • Vernachlässigung früherer Interessen: Hobbys, Sport oder kreative Tätigkeiten, die früher Freude bereiteten, treten in den Hintergrund.

Wenn virtuelle Verbindungen echte Nähe verdrängen

Ein häufig beobachtetes Muster: Betroffene verbringen mehr Zeit mit virtuellen Kontakten als mit Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung – und die Qualität realer Beziehungen sinkt. Einsamkeit und das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden, nehmen zu. Häufige Folgen im Alltag sind Konflikte mit nahestehenden Personen, Rückzug aus gemeinsamen Aktivitäten und Schwierigkeiten, Gespräche ohne Smartphone aufmerksam zu führen. Das macht Social Media als Ausgleich wiederum attraktiver. Dieser Kreislauf ist schwer zu durchbrechen, solange die zugrunde liegende Einsamkeit oder soziale Unsicherheit nicht mitbetrachtet wird.

Warum Social Media so schwer loszulassen ist: Der Belohnungskreislauf

Kurz & Knapp

  • Plattformen sind bewusst so gestaltet, dass sie maximale Aufmerksamkeit und Verweildauer erzeugen.
  • Unregelmäßige Belohnungen (intermittierende Verstärkung) machen Scrollverhalten besonders hartnäckig.
  • Soziale Belohnungen wie Likes aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn.
  • Infinite Scroll, Autoplay und Push-Benachrichtigungen sind gezielte Design-Entscheidungen.
  • Schwierigkeiten beim Einschränken sind keine Frage fehlender Willenskraft, sondern Reaktion auf ein mächtiges System.

Wer die Mechanismen hinter dem Sog versteht, kann leichter gegensteuern – und ohne Selbstvorwürfe.

Wer sich fragt, warum „einfach aufhören" so schwer ist, bekommt aus der Verhaltenswissenschaft eine klare Antwort: Social-Media-Plattformen sind mit erheblichem Aufwand so konzipiert, dass sie maximale Aufmerksamkeit und maximale Verweildauer erzeugen. Das ist Absicht, kein Zufall.

Intermittierende Verstärkung

Der wirkungsvollste Mechanismus ist die intermittierende Verstärkung (unregelmäßige Belohnung). In der Verhaltenspsychologie ist bekannt: Wenn eine Belohnung unregelmäßig und unvorhersehbar eintrifft – manchmal, aber nicht immer –, dann wird das Verhalten, das zu ihr führt, besonders hartnäckig aufrechterhalten. Genau das passiert beim Scrollen: Manchmal erscheint ein Beitrag, der wirklich berührt oder amüsiert. Manchmal kommt ein Like. Manchmal nichts. Diese Unberechenbarkeit hält das Scrollverhalten am Laufen – ähnlich wie bei einem Spielautomaten.

Soziale Belohnungen und das Gehirn

Likes, Kommentare und neue Follower aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn – genauer den mesolimbischen Dopaminpfad (das neuronale Netz, das Motivation und Belohnungserwartung reguliert). Soziale Anerkennung zählt zu den stärksten Belohnungsformen, die Menschen kennen. Social-Media-Plattformen machen diesen Mechanismus digital verfügbar, messbar und jederzeit abrufbar.

Design-Entscheidungen mit Wirkung

  • Infinite Scroll (endloser Inhaltsstrom): Kein natürliches Ende des Feeds – und damit kein Stoppmoment.
  • Autoplay: Das nächste Video beginnt automatisch, bevor eine bewusste Entscheidung getroffen wurde.
  • Push-Benachrichtigungen: Jede Meldung ist ein kleiner Sog zurück in die App.
  • Personalisierte Algorithmen: Je mehr du nutzt, desto genauer lernt der Algorithmus, welche Inhalte dich am längsten halten.

Das Verständnis dieser Mechanismen kann entlastend sein: Schwierigkeiten beim Einschränken des Konsums sind kein Zeichen fehlender Willenskraft, sondern eine menschliche Reaktion auf ein professionell auf Wirkung optimiertes System. Veränderung ist ein Prozess, der Unterstützung verdient.

Selbstcheck und erste Schritte zur Hilfe

Kurz & Knapp

  • Selbstreflexionsfragen können erste Orientierung bieten – ersetzen aber keine professionelle Diagnostik.
  • Die Bergen Social Media Addiction Scale (BSMAS) ist ein wissenschaftlich erprobtes Selbsteinschätzungsinstrument.
  • Die psychotherapeutische Sprechstunde ist der empfohlene erste Schritt bei Leidensdruck.
  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat gute Evidenz für Verhaltenssüchte – auch andere Verfahren können wirksam sein.
  • Sucht- und Drogenhotlines bieten anonyme Erstberatung, auch für Angehörige.

Überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist wichtiger als die Wahl der spezifischen Methode.

Wenn du erkennst, dass sich mehrere der beschriebenen Symptome in deinem Alltag wiederfinden, ist das kein Grund zur Panik – aber ein guter Anlass, genauer hinzuschauen.

Sechs Fragen zur Selbstreflexion

Diese Fragen ersetzen keine professionelle Diagnostik, können aber eine erste Einschätzung ermöglichen:

  • Nutze ich Social Media häufiger und länger, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte?
  • Werde ich unruhig oder gereizt, wenn ich nicht auf mein Smartphone schauen kann?
  • Greife ich zu Social Media, wenn ich mich schlecht fühle – auch wenn es danach oft nicht besser wird?
  • Haben mir nahestehende Menschen bereits gesagt, dass ich zu viel Zeit online verbringe?
  • Habe ich schon ernsthaft versucht, weniger zu nutzen – und bin immer wieder in alte Muster zurückgefallen?
  • Leiden Schule, Arbeit, Hobbys oder Beziehungen unter meiner Social-Media-Nutzung?

Wer drei oder mehr dieser Fragen mit Ja beantwortet und dabei echten Leidensdruck erlebt, für den kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Als wissenschaftlich erprobtes Orientierungsinstrument steht die Bergen Social Media Addiction Scale (BSMAS) zur Verfügung – ein validierter Fragebogen mit sechs Fragen zu den oben beschriebenen Kriterien.1) Er bietet erste Orientierung, ersetzt aber keine professionelle Diagnostik.

Erste Schritte zur Unterstützung

Der empfohlene erste Schritt ist eine psychotherapeutische Sprechstunde. Dort wird gemeinsam eingeschätzt, welches Behandlungssetting am besten geeignet ist – ambulant, intensiv oder als Teil eines Selbsthilfeprogramms. Die Sprechstunde ist ohne Überweisung zugänglich und direkt bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu vereinbaren.

Für Verhaltenssüchte zeigt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gute Wirksamkeit. Sie hilft dabei, auslösende Gedankenmuster und Situationen zu erkennen und alternative Verhaltensweisen aufzubauen. Auch andere therapeutische Ansätze können hilfreich sein – etwa die systemische Therapie als weiteres Therapieverfahren, aber auch ergänzende Methoden wie motivierende Gesprächsführung oder achtsamkeitsbasierte Ansätze. Überhaupt professionelle Unterstützung zu suchen ist wichtiger als die Wahl des spezifischen Verfahrens.

Für eine erste anonyme Orientierung steht die Sucht & Drogen Hotline unter 01806 313 031 zur Verfügung (Mo–Fr 10–22 Uhr, Sa/So 10–20 Uhr) – auch für Angehörige. Bei akutem Leidensdruck oder Krisensituationen hilft die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7).

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Quellen

  1. Peng P, Liao Y (2023). Six addiction components of problematic social media use in relation to depression, anxiety, and stress symptoms: a latent profile analysis and network analysis. BMC Psychiatry, 23, 321. DOI: 10.1186/s12888-023-04837-2
  2. Panova T, Carbonell X (2018). Is smartphone addiction really an addiction? Journal of Behavioral Addictions, 7(2), 252–259. DOI: 10.1556/2006.7.2018.49
  3. DAK-Gesundheit / Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am UKE Hamburg (2024). DAK Mediensuchtstudie – Sechste Erhebungswelle September 2023. Hamburg: DAK-Gesundheit. Verfügbar unter: dak.de
  4. Conte G et al. (2024). Scrolling through adolescence: a systematic review of the impact of TikTok on adolescent mental health. European Child & Adolescent Psychiatry, 34(5), 1511–1527. DOI: 10.1007/s00787-024-02581-w
  5. Marin MG, Nuñez X, de Almeida RMM (2020). Internet Addiction and Attention in Adolescents: A Systematic Review. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 24(4), 237–249. DOI: 10.1089/cyber.2019.0698
  6. DAK-Gesundheit / DZSKJ am UKE Hamburg (2025). Social-Media-Sucht bei Jugendlichen – Ergebnisse der DAK-Mediensuchtstudie. Hamburg: DAK-Gesundheit. Verfügbar unter: dak.de

Häufige Fragen

Wie viele Stunden Social Media täglich sind noch normal?

Eine feste Stundengrenze, ab der Social-Media-Nutzung klinisch problematisch wird, gibt es wissenschaftlich nicht. Entscheidend ist nicht die Menge allein, sondern ob die Nutzung Leidensdruck erzeugt oder wichtige Lebensbereiche beeinträchtigt. Wer täglich zwei Stunden scrollt, sich dabei wohlfühlt und keine Kontrolle verliert, zeigt kein problematisches Muster. Wer dagegen nur 45 Minuten nutzt, sich dabei ständig unfähig fühlt aufzuhören, oder sich regelmäßig danach schlechter fühlt, kann trotzdem Anlass zur Reflexion haben.

Ist Social-Media-Sucht eine offizielle Diagnose?

In Deutschland wird die ICD-10-GM für offizielle Diagnosekodierung verwendet – und Social-Media-Sucht hat dort keinen eigenen Schlüssel. Klinisch kann sie unter F63.8 (Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle) eingeordnet werden. Die internationale ICD-11 der WHO (seit Januar 2022 gültig, in Deutschland noch nicht amtlich eingeführt) kennt unter 6C5Y eine Kategorie für sonstige Verhaltenssüchte. Ein fehlender eigener Diagnoseschlüssel bedeutet nicht, dass keine professionelle Behandlung möglich oder sinnvoll ist.

Was sind die ersten Warnsignale einer problematischen Social-Media-Nutzung?

Frühe Warnsignale sind häufig: Das Smartphone ist das Erste und Letzte, was täglich in die Hand genommen wird. Bei Langeweile, Stress oder negativen Gefühlen greift man automatisch zur App. Versuche, die Nutzung zu reduzieren, scheitern immer wieder. Nahestehende Menschen sprechen die Nutzung oder Veränderungen an. Schlaf, Konzentration oder Stimmung leiden spürbar. Einzeln betrachtet müssen diese Zeichen noch kein Problem darstellen – wenn mehrere zusammentreffen und Leidensdruck entsteht, ist das ein Signal, das ernst genommen werden sollte.

Welche Plattformen gelten als besonders suchtfördernd?

Plattformen mit kurzem, hochfrequentem und personalisiertem Videoinhalt – insbesondere TikTok, aber auch Instagram Reels und YouTube Shorts – gelten in der Forschung als besonders risikobehaftet, weil sie intermittierende Verstärkung und algorithmische Personalisierung besonders konsequent einsetzen. Eine systematische Übersichtsarbeit zu TikTok und Jugendgesundheit zeigt zudem Zusammenhänge mit niedrigerer Lebenszufriedenheit und Körperbildproblemen. Dennoch ist immer die individuelle Nutzungsweise entscheidend – nicht allein die Plattform.

Was passiert beim Entzug von Social Media?

Viele Menschen berichten bei bewusster Social-Media-Pause von anfänglicher Unruhe, Langeweile, einem Gefühl des Verpassens (Fear of Missing Out, kurz FOMO) oder leichter Gereiztheit. Diese Reaktionen können auf Entzugserscheinungen hinweisen – sie sind in der Regel harmlos und klingen innerhalb weniger Stunden bis Tage ab. Bei ausgeprägten Beschwerden, die länger anhalten oder den Alltag stark einschränken, kann professionelle Begleitung sinnvoll sein.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich Hilfe bei problematischer Social-Media-Nutzung brauche?

Als erster Anlaufpunkt empfiehlt sich die psychotherapeutische Sprechstunde bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten – dort wird eingeschätzt, welche Form der Unterstützung passt. Für anonyme Erstberatung steht die Sucht & Drogen Hotline zur Verfügung: 01806 313 031 (Mo–Fr 10–22 Uhr, Sa/So 10–20 Uhr), auch für Angehörige. Spezifische Mediensucht-Beratungsstellen gibt es in vielen Bundesländern, z. B. über mediensuchthilfe.info. Bei akutem psychischem Leidensdruck hilft die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7).

Können Eltern erkennen, ob ihr Kind Social-Media-süchtig ist?

Eltern können auf folgende Zeichen achten: Das Kind ist gereizt oder aufgewühlt, wenn das Smartphone weggelegt werden muss. Schulische Leistungen sinken ohne anderen erklärbaren Grund. Schlafen, Essen und reale Freundschaften treten hinter die Online-Nutzung zurück. Das Kind zieht sich aus Familiengesprächen zurück. Wenn mehrere dieser Zeichen zutreffen und das Kind selbst Leidensdruck zeigt oder äußert, kann ein Gespräch mit einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin oder einem -therapeuten sinnvoll sein. Das DZSKJ am UKE Hamburg sowie die DAK-Mediensuchthilfe bieten spezifische Ressourcen für Familien.