
Kaufsucht behandeln: Therapiemöglichkeiten und der Weg zur Genesung
Zweimal am Tag klingelt der Postbote. Die Pakete landen ungeöffnet im Flur, die Kreditkarte ist am Limit – und trotzdem öffnet sich kurz danach wieder das nächste Online-Shop-Fenster. Wenn Kaufen nicht mehr aufhören kann, obwohl die Konsequenzen längst spürbar sind, spricht man in der Psychologie von pathologischem Kaufverhalten, umgangssprachlich auch Kaufsucht (Fachbegriff: Oniomanie). Diese Form der Verhaltenssucht betrifft schätzungsweise sechs bis sieben Prozent der Erwachsenen in Deutschland – und viele Betroffene suchen erst dann Hilfe, wenn finanzielle Not und emotionale Erschöpfung kaum noch zu ertragen sind.
Die wichtigste Botschaft vorab: Kaufsucht ist behandelbar. Es gibt wirksame psychotherapeutische Ansätze, sinnvolle ergänzende Maßnahmen und niedrigschwellige Selbsthilfeangebote. Dieser Artikel gibt dir einen fundierten Überblick – von der Frage, wie du den ersten Schritt in die Behandlung findest, bis zu konkreten Strategien für den Alltag und die langfristige Stabilisierung.
Kaufsucht verstehen – die Grundlage jeder Behandlung
Kurz & Knapp
- Kaufsucht ist eine Verhaltenssucht mit ähnlichen Mechanismen wie andere Süchte
- Der Kaufakt aktiviert das Dopaminsystem und erzeugt kurzfristiges Wohlbefinden
- In Deutschland wird Kaufsucht unter ICD-10-GM F63.8 kodiert
- Scham ist ein häufiger Grund, warum Hilfe erst spät gesucht wird
- Frühe professionelle Unterstützung verbessert die Behandlungsaussichten
Wer die Mechanismen hinter der Kaufsucht versteht, legt den Grundstein für eine wirksame Behandlung.
Kaufsucht ist mehr als ein übertriebenes Shopping-Hobby. Es handelt sich um ein repetitives, schwer kontrollierbares Kaufverhalten, das als primäre Reaktion auf negative Gefühle wie Stress, Einsamkeit, Langeweile oder Niedergeschlagenheit eingesetzt wird.1) Der Kauf selbst steht dabei im Vordergrund – nicht die erworbenen Gegenstände, die häufig unbenutzt bleiben, versteckt oder sogar weggeworfen werden.6)
Auf neurobiologischer Ebene aktiviert der Kaufakt das Dopaminsystem (das körpereigene Belohnungssystem im Gehirn), was kurzfristig Glücksgefühle erzeugt. Dieses Muster kann sich mit der Zeit verselbstständigen: Um denselben Effekt zu erzielen, werden immer häufigere oder teurere Käufe benötigt – ein klassisches Zeichen von Toleranzentwicklung, wie sie auch bei stoffgebundenen Suchterkrankungen bekannt ist.
Wie wird Kaufsucht diagnostisch eingeordnet?
In Deutschland wird pathologisches Kaufverhalten im ICD-10 unter F63.8 (Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle) erfasst. Kaufsucht hat dort keinen eigenständigen Diagnoseschlüssel. Gelegentlich erfolgt auch eine Einordnung unter F42 (Zwangsstörung), wenn zwanghafte Merkmale im Vordergrund stehen. Ein fehlender eigenständiger Diagnoseschlüssel bedeutet jedoch nicht, dass keine professionelle Behandlung möglich oder sinnvoll ist.
Warum wird Hilfe oft so spät gesucht?
Scham spielt eine große Rolle, warum viele Betroffene keine professionelle Hilfe suchen: Kaufen gilt als akzeptierte Alltagshandlung, und die Grenze zwischen viel einkaufen und nicht aufhören können ist schwer zu ziehen. Auch fehlende Aufklärung spielt eine Rolle: Viele wissen nicht, dass unkontrolliertes Kaufverhalten ein ernstzunehmendes Problem ist, für das es professionelle Hilfe gibt. Oft wird Hilfe erst gesucht, wenn eine finanzielle Krise, eskalierende Beziehungskonflikte oder der Druck von Angehörigen dazu drängen.5) Dabei gilt: Je früher du dir Hilfe holst, desto einfacher lässt sich das Kaufverhalten behandeln. Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld – von Freundinnen, Partnern oder Kolleginnen – können ein wichtiger Hinweis sein, der ernst genommen werden sollte.
Der erste Schritt: Wie du den Weg in die Behandlung findest
Kurz & Knapp
- Die psychotherapeutische Sprechstunde ist der empfohlene erste Anlaufpunkt
- Suchtberatungsstellen bieten kostenlose, niedrigschwellige Erstberatung an
- Ein Selbsttest kann erste Orientierung geben – ersetzt aber keine professionelle Diagnostik
- Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld können ein wichtiger Hinweis sein
- Hilfe zu suchen ist ein entscheidender Schritt – kein Zeichen von Schwäche
Der erste Kontakt mit einer Fachperson ist oft der schwierigste – und der bedeutsamste.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Kaufverhalten außer Kontrolle geraten ist – oder wenn nahestehende Menschen dich darauf angesprochen haben – ist das ein wichtiger Hinweis, dass professionelle Unterstützung hilfreich sein kann. Du musst nicht warten, bis sich eine finanzielle Krise zugespitzt hat.
Psychotherapeutische Sprechstunde: Der empfohlene erste Schritt
Der beste Einstieg in eine Behandlung ist in der Regel eine psychotherapeutische Sprechstunde bei einer niedergelassenen Psychotherapeutin oder einem niedergelassenen Psychotherapeuten. Diese Sprechstunde dient der ersten Orientierung: Welche Probleme bestehen? Welches Behandlungssetting – ambulant, tagesklinisch oder stationär – ist am besten geeignet? Die Sprechstunde ist eine Kassenleistung und kostenlos. Es empfiehlt sich, mehrere Praxen gleichzeitig zu kontaktieren, um Wartezeiten zu verkürzen. Über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (Tel. 116 117) lässt sich ebenfalls schneller ein Termin vermitteln.
Suchtberatungsstellen: Kostenlos und ohne Wartezeit
Suchtberatungsstellen der Caritas, Diakonie, AWO oder kommunaler Träger bieten kostenlose Beratung für Betroffene und Angehörige an – auch bei nicht-substanzgebundenen Störungen wie Kaufsucht. Einen Überblick über Anlaufstellen in deiner Nähe findest du über:
- BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung): Verzeichnis anerkannter Suchtberatungsstellen in Deutschland
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Informationsportal mit Hilfestellungen und Adressen
- Caritas Online-Beratung: Kostenloser Chat und Beratung – auch niedrigschwellig für junge Betroffene
Selbsttest: Erste Einschätzung – keine Diagnostik
Selbsttests, wie sie auch auf quit.de verfügbar sind, können dir helfen einzuschätzen, ob dein Kaufverhalten Merkmale einer Suchterkrankung aufweist. Sie ersetzen keine professionelle Diagnostik – also keine Einschätzung durch eine Fachperson –, können aber den ersten Impuls geben, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn du dir unsicher bist.
„Ich dachte lange, ich habe kein echtes Problem – schließlich kaufe ich ja keine Drogen. Aber als mir meine beste Freundin sagte, wie oft sie mir deswegen geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu bekommen, wusste ich: Ich muss mir Hilfe suchen."
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Der Kernansatz bei Kaufsucht
Kurz & Knapp
- KVT ist die am besten untersuchte und wirksamste Therapieform bei Kaufsucht
- Bausteine: Kaufprotokoll, Exposition, kognitive Umstrukturierung, Emotionsregulation
- Sowohl als Einzel- als auch als Gruppentherapie wirksam belegt
- Etwa jede zweite betroffene Person zeigt in Studien eine klinisch bedeutsame Verbesserung
- Auch andere Therapieverfahren können wirksam sein – Hilfe suchen ist das Entscheidende
KVT hilft dabei, den Kreislauf aus Kaufimpuls, Kaufhandlung und Scham schrittweise zu durchbrechen.
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) gilt laut aktuellem Forschungsstand als die Therapieform mit der stärksten empirischen Evidenz bei Kaufsucht und anderen Verhaltenssüchten.1) Sie setzt gleichzeitig an zwei Stellen an: an den Gedanken (kognitiv) und an den Verhaltensweisen (behavioral), die die Kaufsucht aufrechterhalten.
Typische Bausteine der KVT bei Kaufsucht
- Kaufprotokoll: Betroffene halten täglich fest, wann, was und warum sie einkaufen – welche Gefühle, Gedanken und Situationen dem Kauf vorausgingen. Dieses Protokoll macht Muster sichtbar, die vorher unbewusst abliefen.2)
- Exposition und Reaktionsverhinderung (ERP): Betroffene setzen sich gezielt Kaufauslösern aus – z.B. eine Shopping-Website öffnen – ohne tatsächlich zu kaufen. Das Gehirn lernt dabei: Der Kaufimpuls lässt von selbst nach, wenn man ihm nicht nachgibt.
- Kognitive Umstrukturierung: Dysfunktionale Überzeugungen (z.B. „Nur wenn ich das kaufe, bin ich okay") werden identifiziert, hinterfragt und durch realistischere Gedanken ersetzt.
- Emotionsregulation: Betroffene erarbeiten alternative Strategien, um mit Stress, Einsamkeit oder negativen Gefühlen umzugehen, ohne auf Kaufen als Bewältigungsstrategie (Coping-Mechanismus) zurückzugreifen.
- Rückfallprävention: In der Abschlussphase der Therapie werden persönliche Frühwarnzeichen erarbeitet und konkrete Handlungspläne für Risikosituationen entwickelt.
Was die Forschung zeigt
Erlanger Kaufsucht-Studie (Müller und de Zwaan): In dieser Studie wurde ein standardisiertes Gruppen-KVT-Programm untersucht. Betroffene nahmen über einen Zeitraum von zwölf Wochen einmal wöchentlich an einer Gruppensitzung teil. Das zentrale Ergebnis: Rund jede zweite teilnehmende Person erzielte eine deutliche Besserung ihres Kaufverhaltens – fachsprachlich: eine klinisch bedeutsame Verbesserung.2)
Übersichtsarbeit (systematisches Review, 2023): Eine Forschungsarbeit, die insgesamt 13 Behandlungsstudien zusammenfasste und auswertete, bestätigt dieses Ergebnis: Gruppen-KVT reduziert wirksam die Symptome von Kaufsucht.2)
Studie zur Einzeltherapie (Granero und Kolleginnen, 2016): Diese Studie untersuchte individuelle KVT über zwölf Einzelsitzungen und identifizierte wichtige Einflussfaktoren: Eine begleitende Depression oder Zwangssymptomatik kann den Therapieverlauf erschweren – was die Bedeutung der gleichzeitigen Behandlung von Begleiterkrankungen unterstreicht.3)
Wichtig: KVT ist die am besten untersuchte Therapieform – das bedeutet nicht, dass sie für alle Betroffenen die einzig wirksame Option ist. Grundsätzlich gilt: Überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist wichtiger als die Frage, welche spezifische Therapierichtung gewählt wird.
Der Kaufsucht-Kreislauf – und wo KVT ansetzt
Kaufsucht folgt einem typischen Kreislauf: Ein Auslöser (Stress, Einsamkeit, Langeweile) löst einen Kaufimpuls aus. Die Kaufhandlung erzeugt kurzfristige Erleichterung und ein Hochgefühl. Kurz danach folgen Scham und Reue – die selbst wieder als Auslöser für den nächsten Kaufimpuls wirken können. Die KVT setzt gezielt an mehreren Stellen dieses Kreislaufs an: Sie verändert die Bewertung von Auslösern, trainiert den Umgang mit dem Kaufimpuls und entwickelt alternative Strategien zur Emotionsregulation – so dass der Kreislauf Schritt für Schritt an Kraft verliert.
Gruppentherapie und weitere psychotherapeutische Ansätze
Kurz & Knapp
- Gruppen-KVT zeigt in Studien besonders gute Ergebnisse
- Personzentrierte Therapie kann ebenso wirksam sein wie KVT
- Motivierende Gesprächsführung stärkt die innere Veränderungsbereitschaft
- Achtsamkeitsbasierte Verfahren ergänzen die Behandlung sinnvoll
- Angehörige können eine stabilisierende Rolle im Therapieprozess einnehmen
Verschiedene Therapieverfahren können wirksam sein – die therapeutische Beziehung und das eigene Engagement spielen eine entscheidende Rolle.
Gruppen-KVT: Gemeinsam stärker
Studien zur Behandlung von Kaufsucht legen nahe, dass kognitive Verhaltenstherapie im Gruppenformat besonders wirksam ist. Eine Untersuchung zeigte, dass Teilnehmende einer KVT-Gruppe im Vergleich zu einer telefongestützten Selbsthilfegruppe größere Fortschritte bei der Reduktion von Kaufsuchtsymptomen und Depressionssymptomen erzielten.2) Die Gruppe bietet Betroffenen die Erfahrung, mit ihrem Erleben nicht allein zu sein, und ermöglicht es, von den Strategien und Erfahrungen anderer zu lernen.
Personzentrierte und erfahrungsorientierte Therapie
Eine Einzelfallstudie von Kellett und Kolleginnen (2020) verglich KVT und personzentrierte erfahrungsorientierte Therapie (PCE) bei einer Person mit pathologischem Kaufverhalten. Beide Ansätze führten zu einer klinisch bedeutsamen Reduktion des Kaufzwangs, der Einkaufsgedanken und einer verbesserten Selbstwirksamkeit – ohne dass eine Methode der anderen klar überlegen war.4) Diese Befunde legen nahe, dass die therapeutische Beziehung und das allgemeine Engagement im Therapieprozess eine wichtige Rolle spielen – unabhängig von der spezifischen Methode.
Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing)
Viele Betroffene schwanken lange zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Angst davor. Die motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing, MI) ist ein Gesprächsansatz, der darauf ausgerichtet ist, diese Ambivalenz zu erkunden und die innere Veränderungsbereitschaft zu stärken – ohne Druck oder Bevormundung. MI wird häufig in der Frühphase einer Behandlung eingesetzt und kann eine wichtige Brücke zur weiterführenden Therapie bilden.
Achtsamkeitsbasierte Verfahren
Achtsamkeitsbasierte Ansätze wie MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) oder Elemente der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) können als Ergänzung zu KVT besonders hilfreich sein, wenn die Kaufsucht stark mit Schwierigkeiten in der Gefühlsregulation verbunden ist. Sie schulen die Fähigkeit, Impulse bewusst wahrzunehmen, ohne ihnen sofort nachzugeben – eine Kernkompetenz, die direkt an der Kaufsucht-Dynamik ansetzt.
Angehörige einbeziehen
Der Einbezug von Partnerinnen, Partnern oder anderen nahestehenden Personen kann den Therapieprozess unterstützen. Im Rahmen der Behandlung können verbindliche Absprachen getroffen werden, deren Einhaltung das Umfeld aktiv begleitet. Für Angehörige ist es zudem wichtig zu verstehen, dass Kaufsucht eine Erkrankung ist – keine Frage von Willenskraft oder Charakter.
„In der Gruppe habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt und fühlt. Das war für mich der Durchbruch – nicht mehr allein mit der Scham zu sein."
Medikamente: Wann pharmakologische Unterstützung sinnvoll sein kann
Kurz & Knapp
- Es gibt keine zugelassenen Medikamente speziell für Kaufsucht
- SSRIs und Topiramat zeigten in kontrollierten Studien keinen Vorteil gegenüber Placebo
- Bei begleitenden Erkrankungen wie Depression kann eine Pharmakotherapie sinnvoll sein
- Eine ärztliche Abklärung möglicher Begleiterkrankungen ist empfehlenswert
- Medikamente ersetzen keine Psychotherapie
Pharmakologische Unterstützung kann bei Komorbiditäten einen wichtigen Beitrag leisten – als Ergänzung zur Psychotherapie, nicht als Ersatz.
Eine häufige Frage in der Behandlung von Kaufsucht ist, ob Medikamente helfen können. Die aktuelle Forschungslage gibt dazu eine klare Antwort: Es gibt derzeit keine von Zulassungsbehörden zugelassenen Medikamente speziell für die Behandlung von Kaufsucht oder anderen Verhaltenssüchten.1)
Was die Studien zeigen
Ein systematisches Review der Therapiestudien (Müller et al., 2023) analysierte pharmakologische Studien zu pathologischem Kauf- und Einkaufsverhalten. Untersucht wurden unter anderem selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) – eine Wirkstoffklasse, die bei Depressionen und Zwangsstörungen eingesetzt wird – sowie das Antiepileptikum Topiramat. Keines dieser Mittel zeigte in den placebo-kontrollierten Studien eine überlegene Wirksamkeit.2) Frühere offene Studien mit Antidepressiva hatten vielversprechende Ergebnisse gezeigt, die sich in kontrollierten Studien nicht bestätigten.6) Eine rein medikamentöse Behandlung kann daher laut aktuellem Forschungsstand nicht empfohlen werden.
Pharmakotherapie bei Begleiterkrankungen
Obwohl es keine spezifischen Medikamente für Kaufsucht gibt, ist die ärztliche Abklärung möglicher Begleiterkrankungen ein wichtiger Bestandteil der Gesamtbehandlung. Kaufsucht tritt häufig gemeinsam mit Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen oder ADHS auf.1,5) Wenn solche Erkrankungen vorliegen und gezielt behandelt werden – mit Psychotherapie, Medikamenten oder einer Kombination beider –, kann das auch die Kaufsucht-Symptomatik positiv beeinflussen.
Wenn du neben dem problematischen Kaufverhalten unter ausgeprägter Niedergeschlagenheit, starker Angst oder anderen Beschwerden leidest, ist es empfehlenswert, dies offen mit einer Ärztin oder einem Arzt zu besprechen. Eine umfassende psychiatrische oder psychosomatische Abklärung kann helfen, ein individuell passendes Behandlungskonzept zu entwickeln.
Ergänzende Unterstützung: Schuldnerberatung, Selbsthilfe und Online-Angebote
Kurz & Knapp
- Schuldnerberatung ist bei finanziellen Folgeschäden oft ein notwendiger paralleler Baustein
- Selbsthilfegruppen bieten Austausch, Entlastung und Gemeinschaft
- Online-Selbsthilfegruppen ermöglichen niedrigschwelligen Einstieg ohne Anfahrt
- Praktische Alltagsstrategien helfen, Kaufimpulse zu unterbrechen
- Eine umfassende Behandlung verbindet psychotherapeutische, soziale und finanzielle Hilfen
Kaufsucht hinterlässt oft Spuren in mehreren Lebensbereichen – eine gute Behandlung deckt all diese Bereiche ab.
Schuldnerberatung: Den finanziellen Folgeschäden begegnen
Kaufsucht hinterlässt häufig erhebliche finanzielle Schäden: Schulden, überzogene Konten, verheimlichte Ausgaben und manchmal strafrechtlich relevante Situationen. Für viele Betroffene ist eine professionelle Schuldnerberatung deshalb ein notwendiger paralleler Baustein neben der psychotherapeutischen Behandlung. Sie bietet strukturierte Unterstützung bei der Schuldenanalyse, Budgetplanung und dem schrittweisen Abbau von Verbindlichkeiten. Schuldnerberatungsstellen der Caritas, des Deutschen Roten Kreuzes oder kommunaler Träger sind meist kostenlos zugänglich.
Wichtig: Wer ausschließlich die Schuldensituation regelt, ohne gleichzeitig an den psychologischen Ursachen zu arbeiten, läuft Gefahr, den Kreislauf neu zu beginnen. Idealerweise laufen beide Stränge – Psychotherapie und Schuldenregulierung – parallel.
Selbsthilfegruppen: Nicht allein mit der Scham
Selbsthilfegruppen spielen bei der Behandlung von Kaufsucht eine wichtige ergänzende Rolle – vor, während und nach einer Therapie. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann die Isolation durchbrechen und praktische Alltagsstrategien aus erster Hand vermitteln. Folgende Angebote sind in Deutschland zugänglich:
- Fachstelle Kaufsucht (kaufsucht.de): Deutschlandweites Netzwerk zur Vernetzung von Hilfsangeboten und Fachleuten
- Blaues Kreuz – „Konsum-Kater": Online-Selbsthilfegruppe speziell für Menschen mit Kaufsucht, anonym und ohne Anreiseweg
- NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen): Datenbank für lokale Selbsthilfegruppen in Deutschland
Online-Therapie und digitale Unterstützung
Digitale Therapieangebote und Online-Beratung können besonders dann hilfreich sein, wenn Wartezeiten auf einen Therapieplatz überbrückt werden müssen oder eine Beratungsstelle schwer erreichbar ist. Zu beachten ist, dass der Forschungsstand zu online-spezifischen Kaufsucht-Behandlungsangeboten noch begrenzt ist und weiterer Untersuchung bedarf.2)
Praktische Alltagsstrategien
Neben professioneller Hilfe können folgende Maßnahmen den Therapieprozess begleiten:
- Online-Käufe um mindestens 24 Stunden verschieben und dann neu bewerten
- Shopping-Apps vom Smartphone löschen und Kaufbenachrichtigungen deaktivieren
- Bargeld statt Kredit- oder Girokarte nutzen – Ausgaben werden unmittelbarer spürbar
- Einen Ausgabenplan erstellen und eine Vertrauensperson einbinden
- Kaufauslöser bewusst identifizieren und alternative Handlungen planen
Bist du betroffen? Mach den Selbsttest
Unser Kaufsucht-Selbsttest gibt dir in wenigen Minuten eine erste Einschätzung – anonym und kostenlos. Er ersetzt keine professionelle Diagnostik, kann aber ein hilfreicher erster Schritt sein.
Zum Kaufsucht-SelbsttestRückfallprävention: Langfristige Stabilität aufbauen
Kurz & Knapp
- Rückfälle können Teil des Genesungsprozesses sein – kein Zeichen des Scheiterns
- Frühwarnzeichen zu kennen ist ein zentrales Ziel jeder Kaufsucht-Therapie
- Ein individueller Krisenplan hilft in Hochrisikozeiten
- Kontrolliertes Kaufen ist ein realistisches Therapieziel – vollständige Abstinenz ist nicht nötig
- Nachsorge und Selbsthilfe helfen, Therapieerfolge langfristig zu sichern
Rückfallprävention bedeutet nicht Perfektion – sondern das schrittweise Aufbauen von Fähigkeiten, die langfristig tragen.
Kaufsucht als langfristige Erkrankung verstehen
Kaufsucht sollte als eine Erkrankung verstanden werden, die langfristige Aufmerksamkeit erfordert. Das bedeutet: Rückfälle – Phasen, in denen unkontrolliertes Kaufverhalten wieder auftritt – können Teil des Genesungsprozesses sein. Sie sind kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein Signal, das zur weiteren Reflexion und gegebenenfalls zur Anpassung des Behandlungsplans genutzt werden kann.
Im Gegensatz zu substanzgebundenen Suchterkrankungen ist bei Kaufsucht eine vollständige Abstinenz weder realistisch noch notwendig – weil Kaufen eine alltägliche Handlung ist, die sich nicht dauerhaft vermeiden lässt. Das Therapieziel ist vielmehr ein kontrolliertes, selbstbestimmtes Kaufverhalten, das keine erheblichen negativen Konsequenzen mehr nach sich zieht.
Frühwarnzeichen kennen und ernst nehmen
Ein zentraler Baustein jeder guten Kaufsucht-Behandlung ist die Erarbeitung eines persönlichen Profils an Frühwarnzeichen – Gedanken, Gefühle oder Situationen, die erfahrungsgemäß dem unkontrollierten Kaufen vorausgehen:
- Zunehmendes Grübeln über bestimmte Produkte oder Angebote
- Stresspeaks durch berufliche Belastung, Beziehungskonflikte oder Einsamkeit
- Vermehrtes zielloses Surfen auf Shopping-Seiten
- Schlafstörungen, innere Unruhe oder emotionale Taubheit als Kaufauslöser
- Rationalisierungen wie „Das letzte Mal" oder „Das hab ich mir verdient"
Einen persönlichen Krisenplan entwickeln
Im Rahmen einer Therapie kann gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten ein individueller Krisenplan erarbeitet werden. Er enthält konkrete Handlungsschritte für Hochrisikozeiten: Wen kann ich anrufen? Welche Aktivität hilft mir, den Kaufimpuls zu überbrücken? Was sage ich mir selbst in diesem Moment? Ein solcher Plan macht es in der konkreten Situation leichter, den ersten Impuls nicht direkt in eine Kaufhandlung umzusetzen.
Nachsorge und langfristige Begleitung
Nach Abschluss einer intensiveren Behandlungsphase – sei es eine ambulante Therapie, eine tagesklinische Behandlung oder eine stationäre Reha – ist eine strukturierte Nachsorge empfehlenswert. Viele Kliniken und Therapeutinnen bieten dies in Form von Gruppen- oder Einzelgesprächen an. Parallel können Selbsthilfegruppen die langfristige Stabilisierung unterstützen und einen verlässlichen sozialen Rahmen bieten.
Quellen
- Brand M, Antons S, Böthe B, et al. (2025). Current Advances in Behavioral Addictions: From Fundamental Research to Clinical Practice. The American Journal of Psychiatry, 182(2), 155–163. https://doi.org/10.1176/appi.ajp.20240092
- Müller A, Laskowski NM, Thomas TA, et al. (2023). Update on treatment studies for compulsive buying-shopping disorder: A systematic review. Journal of Behavioral Addictions, 12(3), 631–651. https://doi.org/10.1556/2006.2023.00033
- Granero R, Fernández-Aranda F, Mestre-Bach G, et al. (2016). Cognitive behavioral therapy for compulsive buying behavior: Predictors of treatment outcome. European Psychiatry, 39, 57–65. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2016.06.004
- Kellett S, Oxborough P, Gaskell C. (2020). Treatment of compulsive buying disorder: comparing the effectiveness of cognitive behavioural therapy with person-centred experiential counselling. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 49(3), 370–384. https://doi.org/10.1017/S1352465820000521
- Müller A, Mitchell JE, de Zwaan M. (2015). Compulsive buying. The American Journal on Addictions, 24(2), 132–137. https://doi.org/10.1111/ajad.12111
- Lejoyeux M, Weinstein A. (2010). Compulsive buying. The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 36(5), 248–253. https://doi.org/10.3109/00952990.2010.493590
Häufige Fragen
Kann Kaufsucht wirklich behandelt werden?
Ja. Kaufsucht ist eine behandelbare Verhaltenssucht. Aktuelle Studien zeigen, dass insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) – vor allem im Gruppenformat – wirksam die Symptome reduzieren kann. Viele Betroffene berichten nach einer konsequenten Behandlung von einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität, weniger Kaufzwang und einem besseren Umgang mit belastenden Gefühlen. Kaufsucht erfordert langfristige Aufmerksamkeit – eine dauerhafte Stabilisierung ist aber für viele Menschen erreichbar.
Welche Therapieform ist bei Kaufsucht am wirksamsten?
Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), besonders im Gruppenformat, hat laut aktuellem Forschungsstand die stärkste empirische Evidenz bei Kaufsucht. Auch andere Verfahren wie personzentrierte Therapie oder achtsamkeitsbasierte Ansätze können wirksam sein. Grundsätzlich gilt: Überhaupt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen ist wichtiger als die Wahl einer bestimmten Therapierichtung. In einem Erstgespräch – der psychotherapeutischen Sprechstunde – kann gemeinsam besprochen werden, welcher Ansatz am besten passt.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten einer Therapie bei Kaufsucht?
Da Kaufsucht in Deutschland (ICD-10-GM) keinen eigenständigen Diagnoseschlüssel als vollständig anerkannte Erkrankung hat, kann die Kostenübernahme einer Therapie von der jeweiligen Krankenkasse und der konkreten Diagnostik abhängen. Häufig wird die Behandlung über eine Begleiterkrankung wie eine diagnostizierte Depression oder Angststörung abgerechnet. Eine psychotherapeutische Sprechstunde ist in jedem Fall eine Kassenleistung und kostenlos – sie ist der empfohlene erste Schritt, um die individuelle Situation mit einer Fachperson zu klären.
Was kann ich tun, wenn ich keinen Therapieplatz bekomme?
Lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind leider häufig. In der Zwischenzeit können folgende Schritte helfen: Mehrere Praxen gleichzeitig kontaktieren; die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (Tel. 116 117) nutzen; eine kostenlose Suchtberatungsstelle aufsuchen; einer Selbsthilfegruppe beitreten (z.B. online beim Blauen Kreuz, Gruppe „Konsum-Kater"); oder eine psychosomatische Ambulanz um einen Termin bitten. Auch ein Gespräch mit dem Hausarzt oder der Hausärztin kann weitere Wege aufzeigen.
Hilft eine Selbsthilfegruppe bei Kaufsucht?
Selbsthilfegruppen können eine wertvolle Ergänzung zur professionellen Behandlung sein – begleitend oder als Überbrückung bis zum Therapiebeginn. Sie bieten Austausch mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, reduzieren Scham und Isolation und vermitteln praktische Alltagsstrategien. Sie ersetzen jedoch keine Psychotherapie. Online-Selbsthilfegruppen wie „Konsum-Kater" des Blauen Kreuzes sind niedrigschwellig, anonym und ohne Anreiseweg zugänglich.
Wie lange dauert eine Therapie bei Kaufsucht?
Die Dauer variiert je nach Schweregrad der Erkrankung, vorhandenen Begleiterkrankungen und gewähltem Therapieverfahren. Studien zur KVT bei Kaufsucht haben häufig Formate von zwölf wöchentlichen Sitzungen untersucht – also etwa drei Monate. Für viele Betroffene sind darüber hinaus längere Behandlungsverläufe sinnvoll, insbesondere wenn Begleiterkrankungen mitbehandelt werden müssen oder eine stationäre Reha notwendig ist. Über die konkrete Dauer wird gemeinsam mit der Therapeutin oder dem Therapeuten entschieden – es gibt keinen einheitlichen Richtwert.